Staatenhaus am Rheinpark, Saal 1

Jeanne d'Arc

Jeanne d'Arc
Foto: Paul Leclaire
Jeanne d'Arc
Foto: Paul Leclaire

Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna Narzisstisch gestörte Fanatikerin oder von hohem Ideal durchdrungene Lichtgestalt?
Oper - Walter Braunfels

Musikalische Leitung Lothar Zagrosek / Inszenierung Tatjana Gürbaca / Bühne Stefan Heyne / Kostüme Silke Willrett / Licht Andreas Grüter / Chorleitung Andrew Ollivant / Dramaturgie Georg Kehren

Walter Braunfels wurde am 19. 12. 1882 in Frankfurt a. M. geboren. Er war das jüngste Kind des Juristen und Literaten Ludwig (Lazarus) Braunfels (1810-1883) und dessen um 32 Jahre jüngerer, zweiten Frau. Nach dem Abitur und Ausbildung am renommierten Hoch'schen Konservatorium, in das er bereits als Dreizehnjähriger aufgenommen wurde, begann er 1901 in München und Kiel mit dem Studium, zunächst dem der Nationalökonomie, dann aber dem der Musik. Seine musikalischen Studien setzte er in Wien und München fort; er studierte Klavier und Komposition. In München begegnete er dem Dirigenten Felix Mottl, der zu seinem wichtigsten Lehrer wurde. Als Mottls Assistent arbeitete er ab 1903 am Nationaltheater München. Auch als Pianist trat Braunfels ab 1903 regelmäßig auf. Seit 1909 gewann er auch als Komponist zunehmend Anerkennung. Seine "Symphonischen Variationen", op. 15 wurden von Hermann Abendroth in Lübeck uraufgeführt und seine erste Oper "Prinzessin Brambilla" (nach einem Märchen von E.T.A. Hoffmann) unter Max von Schillings in Stuttgart. Im gleichen Jahr heiratete er Berta von Hildebrand, die jüngste Tochter des berühmten Bildhauers Adolf von Hildebrand, die zuvor mehrere Jahre mit Wilhelm Furtwängler verlobt gewesen war, was die Beziehung zwischen den beiden Musikern zeitlebens belastete. Im Ersten Weltkrieg war Braunfels seit 1915 an der französischen Front eingesetzt und wurde verwundet. Die Kriegserlebnisse führten dazu, dass der Protestant Braunfels zum Katholizismus konvertierte, dem er sich fortan zutiefst verbunden fühlte. 1920 gelang ihm der endgültige Durchbruch als Komponist. Seine Oper "Die Vögel" (nach Aristophanes), 1920 unter Bruno Walter in München uraufgeführt, wurde der Erfolg der Saison. Namhafte Dirigenten rissen sich nunmehr darum, Braunfels' Werke aufzuführen. Die "Phantastischen Erscheinungen eines Themas von Hector Berlioz", das "Te Deum", "Don Gil von den grünen Hosen", die "Große Messe" und "Don Juan" wurden von damals berühmten Dirigenten wie Wilhelm Furtwängler, Otto Klemperer, Fritz Busch und Hans Knappertsbusch ins Programm genommen und standen auf den Spielplänen fast aller deutschen Bühnen und Konzerthäuser. Zur nationalen kam die internationale Anerkennung. Im Jahre 1923 wurde Braunfels zum Mitglied der Berliner Akademie der Künste berufen. Auf dem Höhepunkt seiner Erfolge, die ihn zu einem der meistgespielten Komponisten seiner Generation gemacht hatten, erhielt Braunfels im Herbst 1924 ein Angebot des damaligen Kölner Oberbürgermeisters Konrad Adenauer, zusammen mit dem Dirigenten Hermann Abendroth die Leitung der geplanten Staatliche Hochschule für Musik zu übernehmen. Braunfels entschloss sich nach einigen Zögern zu einem Wechsel nach Köln und verließ München, wo er immerhin 25 Jahre gelebt und gearbeitet hatte. Die feierliche Eröffnung dieser zweiten preußischen Hochschule für Musik fand am 5. Oktober 1925 statt. Ihre Gründungsdirektoren, Walter Braunfels und Hermann Abendroth, waren zusammen in Frankfurt a. M. aufgewachsen, hatten zur selben Zeit in München studiert und waren seit langem miteinander befreundet. Die Tätigkeit in Köln hatte allerdings unterschiedliche Auswirkungen auf ihrer beider künstlerische Entwicklung: Abendroth konnte 1925 seine bisherige Tätigkeit im Wesentlichen fortsetzen, denn er hatte als Dirigent des Gürzenich-Orchesters seit 1915 bereits die Vorgängerinstitution der neuen Hochschule, das Kölner Konservatorium, in Personalunion geleitet. Braunfels hingegen musste sich vollkommen neu orientieren. Es blieb ihm kaum noch Zeit zum Komponieren, zudem stieß er auf "ein Getriebe, welches [ ... ] bereits seit 75 Jahren funktionierte" und ihm wenig Entfaltungsspielraum ließ. Gestaltungsmöglichkeiten boten sich ihm aber vor allem bei der Berufung von Lehrpersonal. Braunfels gewann den Pianisten Eduard Erdmann, den Cellisten Paul Grümmer und den Geiger Bram Eldering für die Musikhochschule, die bald einen vorzüglichen Ruf genoss. Andere Personalpläne scheiterten hingegen: Der Dirigent Bruno Walter entschied sich letztlich für Berlin, und auch von dem renommierten Musikwissenschaftler Alfred Einstein erhielt Braunfels eine Absage.
Die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 bedeutete eine tiefe Zäsur in Braunfels' Leben. Der Sohn eines jüdischen Vaters galt als Halbjude: Sämtliche seiner Werke wurden verboten, er hatte sich aus allen öffentlichen Ämter zurückzuziehen. Ja, die Reichsmusikkammer verbot ihm jegliche musikalische Betätigung. Die äußere Emigration kam für ihn nicht infrage, aber er zog mit seiner Familie an den Bodensee, in Sichtweite zur rettenden Schweiz. So begab er sich in die sog. innere Emigration. In dem Zeitraum zwischen 1933 und 1945 komponierte Braunfels drei Opern: "Die Verkündigung" (nach Claudel), "Der Traum ein Leben" (nach Grillparzer) und "Jeanne d'Arc - Szenen aus dem Leben der heiligen Johanna" (nach den Prozessakten), vier Kantaten, drei Streichquartette und ein Quintett. Nach Kriegsende kehrte Braunfels auf Bitten des ebenfalls wieder ins Amt berufenen Konrad Adenauer in sein altes Amt als Direktor der Kölner Musikhochschule zurück. Er hatte dieses Amt bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 1950 inne. In der Zeit des Wiederaufbaus entstanden auch noch eine Reihe weiterer Kompositionen. Braunfels starb am 19.03.1954 in Köln.
Doch nach 1945 hatten Braunfels' Werke es schwer, sich gegen die damals favorisierte serielle Musik zu behaupten. Denn im Unterschied zu manchem seiner Musiker-Kollegen erlebte Braunfels nach 1945 keine Wiedergutmachung ideeller Art. Sein durch die Spätromantik bestimmtes Oeuvre passte nicht mehr in das avantgardistische Musikleben der Nachkriegszeit. Erst in den 1990er Jahren setzt eine Braunfels-Renaissance ein. Seitdem werden seine Kompositionen, die eigenständig zwischen Spätromantik und Klassischer Moderne stehen, wieder häufiger und mit internationalem Erfolg aufgeführt.

Jeanne d'Arc. Szenen aus dem Leben der heiligen Johanna
Das Libretto verfasste der Komponist selbst auf der Grundlage der erhaltenen Akten des Prozesses gegen Jeanne d'Arc. "In acht in sich abgeschlossenen Bildern zeichnete er den Lebensweg der Märtyrerin ergreifend nach bis hin zu ihrem Tod in den Flammen. Am Ende verkündet der Chor den Sieg des Glaubens. Die Befreierin Frankreichs ist zwar auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden, doch ihr Herz blieb unversehrt - es triumphiert nicht das Böse, sondern die Hoffnung. 1943 vollendet, gelangte diese Oper erst 2001 in Stockholm zunächst zur konzertanten, 2008 dann in Berlin zur szenischen Uraufführung, [ (unter Ulf Schirmer mit Mary Mills) ... ]. Einer größeren Öffentlichkeit zugänglich wurde Jeanne d'Arc jedoch erst durch die 2010 erfolgte Veröffentlichung der erwähnten konzertanten Uraufführung unter Manfred Honeck mit Juliane Banse in der Titelrolle auf CD, die mit dem Deutschen Musikpreis Echo Klassik 2011 in der Kategorie "WeltErsteinspielung des Jahres" ausgezeichnet wurde. Weitere Werke von Braunfels fanden in den vergangenen beiden Jahren vermehrt auf die Bühne oder in den Konzertsaal. In einem Essay über das neuerwachte Interesse an dem verbannten wie verkannten Komponisten schreibt Eva Gesine Baur: ‚Unter der Schminke der Coolness verbirgt sich heute bei vielen die Sehnsucht nach Passion. Nach Musik, die sie an der Seele packt, die keinen entlässt und jeden mitschleift bis zum Schluss.' " (R. Dietrich)

Dr. Hans Gerhard Neugebauer

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Letzte Aktualisierung: 23.07.2019 08:31 Uhr     © 2019 Theatergemeinde KÖLN | Auf dem Berlich 34 | 50667 Köln