Kölner Philharmonie

Gürzenich-Chor Köln

Gürzenich-Chor Köln
Foto: Norbert Berghaus
Gürzenich-Chor Köln
Foto: Norbert Berghaus

Concerto con Anima
Konzert - Bach

Dirigent: Christian Jeub

Sibylla Rubens, Sopran
Matthias Rexroth, Altus
Tobias Hunger, Tenor
Klaus Mertens, Bass


Konzert zum 190. Chorjubiläum des Gürzenich-Chors Köln


Johann Sebastian Bach
Messe h-Moll BWV 232
für Soli, Chor und Orchester

Johann Sebastian Bach hielt seine Werke nie für etwas endgültig Fertiges und Unabänderliches und ebensowenig für die Materialisation einer Eingebung, die unantastbar ist. Nach seiner Anschauung war die Kunst etwas Lehrbares und Erlernbares wie jedes andere Handwerk. Daher baute er seine Stücke oft je nach Bedarf mehrmals um, verwendete sie in einem veränderten Rahmen oder entnahm ihnen Teile zur Verarbeitung. Daß er dies mit höchster Kunstfertigkeit vornahm, war für ihn eine Selbstverständlichkeit, daß er damit neue und für heutige Verhältnisse geniale Kunstwerke schuf, lag vermutlich außerhalb seiner Vorstellung.
Die Technik der damals gebräuchlichen Umarbeitungungen nennt man "Parodie". Der Begriff "Parodie" ist vielleicht mißverständlich. Für die Vokalmusik Bachs und seiner Zeitgenossen bedeutet er jedoch ausschließlich zweierlei: Entweder den Originaltext eines Stücks durch einen neuen zu ersetzen oder (was seltener vorkommt) ein Stück auf eine Textunterlegung hin zu bearbeiten. Bei der ersten Möglichkeit lag die Hauptarbeit beim Librettisten, der seine neue Dichtung so einzurichten hat, daß Reimschema, Versmaß und Textsinn dem alten Text und somit der Komposition möglichst nahe kommen; der Idealfall war dann, daß der Komponist nur noch die Texte austauschen mußte. Die zweite Möglichkeit dagegen stellte den Komponisten auf eine harte Probe: Er mußte zunächst die Musik suchen, die zum jeweiligen Text vielleicht passen würde, dann aber die Musik so bearbeiten, daß die Textierung überhaupt erst möglich wurde; hierbei war das höchste Ziel, daß dabei entstandene Stück so wirkte, als hätten Text und Musik schon immer zusammengehört. In diesem Fall war es oft unvermeidlich, daß bestimmte Passagen eines Stücks völlig neu komponiert werden mußten. Zu dieser zweiten Form des Parodieverfahrens schließlich gehören die vier "kleinen Messen" und Teile der h-Moll-Messe. Sie enthält alle fünf festen Teile des römischen Messordinariums, aber eine liturgische Bestimmung entzieht sich unserer Kenntnis. Sie ist auch, soweit wir wissen, zu Bachs Zeit nie als Ganzes aufgeführt worden. Das Werk ist über einen Zeitraum von 25 Jahren entstanden, von 1724 bis 1749/50. Das breit, mit großem polyphonem Aufwand und reicher Orchesterbesetzung angelegte Werk besteht aus 15 Chorsätzen und 9 Solostücken - Arien und Duette - die sich mit archaischen Elementen (z.B. die gregorianische Intonation des Credo) zu einem majestätischen Bau fügen. Mindestens 14 Sätze sind Parodien. Der älteste Satz ist das Sanctus, komponiert 1724. Kyrie und Gloria widmete Bach unter dem Datum vom 27. Juli 1733 seinem Landsherrn in Dresden, dem Kurfürsten Friedrich August II., mit dem Gesuch um Verleihung des Titels eines Hofkomponisten. Osanna, Benedictus, Agnus Dei und Credo entstanden um 1748. Im gleichen Jahr vereinigte Bach alle Sätze in einem Band, ohne ihm allerdings einen definitiven Gesamttitel zu geben (die Bezeichnung "Hohe Messe in h-Moll" ist eine Schöpfung der Bach-Romantik des 19. Jhs.). Neueste Untersuchungen des Autographs haben ergeben, daß Bach noch in den letzten Lebenswochen mit Korrekturarbeiten an diesem Werk beschäftigt war. Das Kyrie beginnt mit einer eindringlichen rhe-torischen Bittgeste, ein inniges Duett der Soprane schließt sich an, worauf ein vierstimmiger, fugierter Chorsatz im niederländischen "alten" Stil folgt. Das umfangreiche Gloria setzt mit einem von drei Trompeten begleiteten, fünfstimmigen Chor in lebhaftem Rhythmus ein. Das Et in terra pax bildet mit einer pastoralen Stimmung und seiner Holzbläserbegleitung einen eindrucksvollen Kontrast; sein Thema verlängert sich zu einer Fuge. Nach dem ariosen Laudamus te singt der Chor in vierstimmigem, strengem Satz das Gratias. Ein Duett, ein weiterer Chorsatz und eine Altarie führen zu der von einem Horn und zwei Fagotten begleiteten feierlichen Baßarie "Quoniam tu solus sanctus"; dann setzt nach einer hymnischen Einleitung die Endfuge ein, deren zweite Durchführung glanzvoll verklingt. Das Credo wird gregorianisch intoniert. Der Chor setzt mit einem kraftvollen "Partem" fort. Wieder wechseln Solisten und Chor ab, bis das Incarnatus in nahezu mystischer Färbung erklingt. Das Crucifixus gehört zu den bedeutendsten Vertonungen dieses Textes überhaupt. In diese Grabmusik klingt das volle Orchester mit einem fröhlichen Resurrexit, dessen Fortsetzung immer mehr Festklang gewinnt. Das Confiteor nähert sich wieder der archaischen Intonation, das Expecto ist zuerst ernst und nachdenklich, dann bricht der Auferstehungsjubel erneut durch. Majestätisch ertönen die Sanctusrufe, denen fugierte Chorsätze folgen. Eine Tenorarie bringt das Benedictus, das Agnus ist eine rührende Bitte um Frieden, dann schließt die Messe mit dem Gratias im großen Kirchenstil ab. Vielleicht war das Werk für die Krönung Friedrich Augusts II. zum König von Polen, im Winter 1733/34 in Krakau bestimmt (wozu dieser den katholischen Glauben annahm) und weshalb es Bachs Sohn, Carl Philip Emanuel, im Nachlaßverzeichnis als "die große catholische Messe" bezeichnet. Musikalisch ist es aber eine Summe der Vokalkunst Bachs, die sämtliche Möglichkeiten der Zeit beispielhaft vereint: vier- und fünfstimmigen Chorsatz, achtstimmige Doppelchörigkeit, Chorfugen im Stil der Vokalpolyphonie des 16.Jhs., den konzertanten Orchestersatz der Barockzeit mit eigenständiger Behandlung der Instrumente und schließlich ergreifende Arien und Duette mit konzertierender Begleitung durch Obligatinstrumente. Daneben geben Anordnung der Struktur der Sätze mit ihren inneren Verbindungen und Symmetrien immer wieder Anlaß, den in theologischen Symbolen denkenden Bach zu bewundern.
Die erste Gesamtaufführung der Missa erfolgte erst 1834/35 unter Friedrich Rungenhagen in Berlin, wie bei der Matthäus-Passion: im Konzertsaal. Dort hat sie sich, ebenso wie diese, längst eine feste Stellung als autonomes Kunstwerk jenseits liturgischer Bindungen erobert.

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Letzte Aktualisierung: 20.05.2018 19:30 Uhr     © 2018 Theatergemeinde KÖLN | Auf dem Berlich 34 | 50667 Köln