Kölner Philharmonie

WDR Sinfonieorchester Köln

Markus Sanderling
Foto: Klaus Rudolph
Markus Sanderling
Foto: Klaus Rudolph

Konzert - Hindemith, Martinu, Tschaikowsky

Michael Sanderling, Leitung

Frank Peter Zimmermann, Violine


Paul Hindemith (1895 - 1963)
Suite französischer Tänze aus »Livres de danceries«

Der im hessischen Hanau Geborene erhielt seine musikalische Ausbildung am renommierten Hoch'schen Konservatorium in Frankfurt am Main. Zwischen 1915 und 1923 wirkte Hindemith als Konzertmeister am Frankfurter Opernhaus und als zweiter Geiger bzw. Bratschist in verschiedenen Streichquartetten. Auch als Komponist errang er in den 1920er Jahren Anerkennung, z.B. mit seinem zweiten Streichquartett, das mit sensationellem Erfolg 1921 bei den ersten Donaueschinger Kammermusik-Tagen zur Förderung zeitgenössischer Musik uraufgeführt wurde. 1927 folgte Hindemith einem Ruf als Kompositionslehrer an die Berliner Hochschule für Musik. Der zunehmende kulturpolitische Druck durch die Nationalsozialisten zwang den Komponisten 1935 Deutschlands zu verlassen 1940 emigrierte er in die Vereinigten Staaten, deren Staatsbürgerschaft er 1946 erhielt. Erst 1953 kehre Hindemith endgültig nach Europa zurück und ließ sich in der Schweiz nieder. Er starb 1963 in Frankfurt. In den 1920er Jahren galt Hindemith als einer der großen Neuerer in der Musik, dennoch blieb er in seinem Schaffen immer der Tradition verpflichtet. Vor allem in seinen späteren Werken ist eine Hinwendung zum Neoklassizismus unüberhörbar. Selber ein virtuoser Instrumentalist komponierte er Solokonzerte und Kammermusikwerke für nahezu jede Instrumentengattung. Die „Suite französischer Tänze“ stammt aus dem Jahre 1948. Es handelt sich dabei um Bearbeitungen der „Livres de danceries“ von Claude Gervaise und Estienne du Tertre aus dem 16. Jahrhundert, wie sie Pierre d'Attaignant gedruckt hat. Diese wurden von Hindemith für kleines Orchester eingerichtet. Der Suite französischer Tänze stellt Hindemith zum Vergleich die Originalsätze von Pierre d'Attaignant voran. Die Satzfolge lautet: I. Pavane und Galliarde; II. Tourdion; III. Bransle simple; IV. Bransle de Bourgogne; V. Bransle simple; VI. Bransle d'Escosse; VII. Pavane, wie am Anfang.
Spieldauer: ca. 9 Min.

Bohuslav Martinu (1890 – 1959)
Konzert Nr. 2 für Violine und Orchester

Martinu, der Sohn eines Schuhmachers und Türmers, erhielt seinen ersten Violinunterricht beim Schneider seines Heimatortes. Aufgrund seiner bemerkenswerten Fortschritte finanzierten ihm die Bewohner seines Dorfes ein Studium am Prager Konservatorium, wo er ab 1906 Violine bei Josef Suk und ab 1909 zusätzlich Orgel und Komposition studierte. 1910 jedoch wurde er vom Unterricht ausgeschlossen, da er vor allem durch Nachlässigkeit und mangelndes Interesse aufgefallen war. Trotzdem gelang es ihm 1912, das Diplom als Violinlehrer zu erlangen. Nachdem er in den Jahren 1913 und 1914 als Aushilfsgeiger in der Tschechischen Philharmonie in Prag tätig gewesen war, verbrachte er den Ersten Weltkrieg als Musiklehrer in seiner Heimatstadt, da er als wehrdienstuntauglich eingestuft worden war. Von 1918 bis 1923 war Martinu wiederum Geiger in der Tschechischen Philharmonie. In den Jahren 1922 und 1923 nahm er wiederholt Kompositionsunterricht bei Josef Suk, bevor er 1923 nach Paris zog, um dort bis zum folgenden Jahr seine Kompositionsstudien bei Albert Roussel zu vollenden. Bis 1940 lebte er in Paris, doch als sich der Einmarsch der deutschen Truppen abzeichnete, floh er und kam nach einer neunmonatigen Reise in den USA an. Dort wirkte Martinu als Kompositionsprofessor in Massachusetts (1942–1945), an der Princeton University (1948) und an der Mannes School of Music in New York (1948–1953). Nachdem er 1952 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten hatte, kehrte er 1953 nach Europa zurück, wo er bis 1955 in Nizza und kurzzeitig in Rom lebte. Danach unterrichtete er ein Jahr lang am Curtis Institut in Philadelphia. Seine letzten Lebensjahre verbrachte Martinu in der Schweiz. Das kompositorische Werk Martinus entzieht sich etwas einer stilistischen oder sonstigen Bewertung, da es in seiner Gesamtheit nicht überschaubar und teilweise nicht zugänglich oder verschollen ist. Konstruktive Einflüsse der tschechischen Folklore, des französischen Postimpressionismus, der mitteleuropäischen Neoklassik und der amerikanischen Gebrauchsmusik verbinden sich in den Einzelwerken und Gattungsbeiträgen zu unterschiedlicher Wertigkeit. Die Gesamterscheinung des Komponisten und seines Werkes bleibt ein Symptom zur Schaffenssituation der slawischen Komponisten-Emigranten im 20. Jahrhundert. Die zwei Violinkonzerte des Ostböhmen Martinu werden hierzulande selten aufgeführt. Das liegt wahrscheinlich weniger an den Konzerten selbst, denn diese sollten aufgrund ihrer Qualität eigentlich zum Standardrepertoire der Musik des 20. Jahrhunderts gehören, als daran, dass der Name Martinu hierzulande immer noch kaum bekannt ist. Martinu, der ja selbst als Geiger in der Tschechischen Philharmonie wirkte, hat mit den beiden Violinkonzerten jeweils eine gelungene Synthese aus hohem musikalischen sowie technischen Anspruch und Unterhaltung im besten Sinne geschaffen. Sein 2. Violinkonzert entstand 1943 im amerikanischen Exil. Nachdem der Geiger Mischa Elman in New York die 1. Symphonie Martinus in einer Aufführung durch das Boston Symphony Orchestra gehört hatte, bat er den Komponisten, ein Violinkonzert für ihn zu schreiben. Martinu komponierte daraufhin 1943 sein zweites Violinkonzert. Noch im selben Jahr war Elman (dem das Konzert auch gewidmet ist) der Solist der Uraufführung des Werkes mit dem Boston Symphony Orchestra unter Sergei Koussevitzky. Über die näheren Umstände gab Martinu im Programmheft der Uraufführung am Silvesterabend 1943 Auskunft: „In der letzten Saison, als das Boston Symphony Orchestra in New York war, hörte Mischa Elman meine erste Sinfonie. Am nächsten Tag fragte er mich, ob ich ein Violinkonzert für ihn schreiben könnte. Zunächst war ich verblüfft und ganz und gar nicht sicher, ob ich es in Angriff nehmen sollte […]. Aber weil mich die Form des Violinkonzerts schon lange beschäftigte, hatte ich bereits bestimmte musikalische Ideen dazu, die noch konkreter wurden, als ich Mischa Elman in seinem Studio hörte. Danach akzeptierte ich das Angebot […]. Auf seinen Vorschlag hin ergänzte ich die Kadenz des ersten Satzes.“ Tatsächlich handelt es sich um ein Werk, das weniger spontan anmutet, sondern wie von einer großen Idee beseelt ist. Der weit ausgreifende 1. Satz ist in Bogenform gestaltet (Andante-Allegro-Andante), der 2. Satz (Andante moderato) erinnert mehr an ein Intermezzo. Diesem schließt sich das ebenso solistisch-virtuose wie orchestral-sinfonische Finale des 3. Satzes an (Poco allegro).
Spieldauer: ca. 30 Min.

Peter Iljitsch Tschaikowsky (1840 - 1893)
Sinfonie Nr. 6 h-Moll op. 74
»Pathétique«

Erst 1862 nach einer Ausbildung an der Rechtsschule in Petersburg und nach einer Tätigkeit als Verwaltungssekretär im Justizministerium begann Tschaikowsky mit seinen musikalischen Studien am Petersburger Konservatorium. Anton Rubinstein, der berühmte Pianist und Komponist, war einer seiner Lehrer. 1865 schloss Tschaikowsky seine Studien ab und begann im folgenden Jahr eine Tätigkeit als Kompositionslehrer am neu gegründeten Konservatorium in Moskau, die er zwölf Jahre lang ausübte. Während dieser Zeit entstand eine Reihe von Kompositionen, die Tschaikowsky viel Anerkennung eintrugen. Nach dem Scheitern seiner Ehe fand der Komponist die Unterstützung einer Verehrerin, Nadeshda von Meck. Die von ihr ausgesetzte Jahresrente bot dem Komponisten zwischen 1877 und 1890 die materielle Sicherheit, die es ihm erlaubte, sich fortan ganz seiner Kunst zu widmen. Als Dirigent unternahm Tschaikowsky seit 1888 mehrere Konzertreisen durch verschiedene europäische Länder und nach Amerika. Wenige Tage nach der von ihm selbst geleiteten Uraufführung der sechsten Sinfonie starb er in Petersburg bei einer Choleraepidemie. Der Beiname „Pathétique“ seiner 6. Sinfonie in h-Moll stammt zwar von einem Bruder des Komponisten, Tschaikowsky hat ihn jedoch gebilligt und nachträglich sogar eigenhändig in die Partitur eingetragen. In einem Brief an seinen Neffen Wladimir Dawidow, der auch der Widmungsträger der 6. Sinfonie ist, nennt Tschaikowsky das Werk „eine Programmsymphonie, deren Programm aber für alle ein Rätsel bleiben soll - mögen sie sich nur die Köpfe zerbrechen [ ... ] Dieses Programm ist durch und durch subjektiv, und ich habe nicht selten während meiner Wanderungen, sie in Gedanken komponierend, bitterlich geweint [ ... ] Der Form nach wird diese Symphonie viel Neues bieten, unter anderem wird das Finale kein lärmendes Allegro, sondern - im Gegenteil - ein sehr lang gedehntes Adagio sein.“ Demnach handelt es sich nicht um Programmmusik im üblichen Sinne, bei der ein mehr oder weniger fest umrissenes, außermusikalisches, oft literarisches Programm dem musikalischen Ablauf einen inhaltlichen Sinn vorgibt. Wie bei den früheren Sinfonien Tschaikowskys finden auch in der h-Moll-Sinfonie persönliche Empfindungen und bildhafte Vorstellungen des Komponisten ihren Niederschlag, dennoch werden sie eingeschmolzen in ein Stück „autonomer“ Instrumentalmusik, das allerdings einem von der klassischen Tradition abweichenden inneren Plan folgt. Äußerlich wird das erkennbar in der eigenartigen Abfolge der Sätze, die in der Sinfonik kein Vorbild hat. Zwei langsame Sätze an erster und an letzter Stelle rahmen zwei aus dem Menuett hervorgegangene Tanzsätze ein, einen Walzer und ein Scherzo, die aber in der konkreten Gestalt ihre Herkunft kaum noch zu erkennen geben. Der Walzer ist zu einem unruhigen Fantasiesatz im 5/4-Rhythmus „zerdehnt“ worden (Allegro con grazia), wie er in der russischen Volksmusik beheimatet ist, und das Scherzo (Allegro molto vivace) ist ein nicht weniger phantastisch anmutender Marsch. Der Kopfsatz mit der Tempobezeichnung „Adagio - Allegro non troppo“ ist durch starke Kontraste im Thematischen gekennzeichnet. Einem düsteren Moll-Thema, dessen Anfangsintervalle übrigens denen von Beethovens „Pathétique“, seiner achten Klaviersonate op.13, entsprechen, steht ein geradezu lyrisch verklärtes Dur-Thema gegenüber. Mit dem Erreichen der Durchführung nach einer Generalpause wechselt das Zeitmaß: Im Allegro vivo geht es zunächst grell und leidenschaftlich zu, bis Klage in Resignation verklingt. Die Reprise zeigt demgegenüber wieder die gegensätzlichen musikalischen Empfindungen des Beginns. Das Finale „Adagio lamentoso – Andante“ weicht völlig ab von den bis dahin von Tschaikowsky gefundenen Finallösungen. Erstmals verzichtet der Komponist auf eine optimistisch-triumphierende Schlussapotheose. Stattdessen versucht die Musik in zwei großen Steigerungsbewegungen eines unheilvoll abwärts gerichteten Themas, dem drohenden Ende zu entgehen, doch vergeblich, am Ende bleibt nur bittere Resignation, die sich auch in „hässlichen“ Tönen und in einer „Verfremdung“ traditioneller musikalischer Formen artikuliert. „Damit verzichtet Tschaikowsky zum ersten Mal auf die Restitution des schönen Scheins, einer fragwürdig gewordenen Heiterkeit, und riskiert ein realistisches, ästhetisch offenes, subjektiv wahrhaftiges Schlusswort.“
Spieldauer: ca. 55 Min.



19:00 Uhr Einführung

Christoph Prasser

DruckenSpielstätteninfo
Die Termine

Fr.

07

Juni

Kölner Philharmonie | 07.06.2019 | 20.00 Uhr


Info
WDR Sinfonieorchester Köln

Konzert - Hindemith, Martinu, Tschaikowsky



Weitere TermineBestellen

Unsere Datenbank wird durchsucht.




Unsere Datenbank wird durchsucht.

Merkliste

Veranstaltung

Momentan befinden sich keine Einträge in Ihrer Merkliste.




Letzte Aktualisierung: 26.05.2019 19:30 Uhr     © 2019 Theatergemeinde KÖLN | Auf dem Berlich 34 | 50667 Köln