Kölner Philharmonie

Rotterdams Philharmonisch Orkest

Lahav Shani | Dirigent
Foto: Marco Borggreve
Lahav Shani | Dirigent
Foto: Marco Borggreve

Konzert - Mahler

Lahav Shani, Dirigent

Violeta Urmana, Alt

Knabenchor der Chorakademie Dortmund

Rotterdam Symphony Chorus


Gustav Mahler (1860-1911)
Sinfonie Nr. 3 d-Moll (1895–96, rev. 1899)
für Alt, Frauenchor, Kinderchor und Orchester

Gustav Mahler wurde als Sohn eines jüdischen Kaufmanns im böhmischen Kalischt, einem kleinen Marktflecken in der Nähe der böhmisch-mährischen Grenze, geboren. Am Wiener Konservatorium konnte er nur studieren, weil sich ein Lehrer bereitstellte, einen Teil der Studiengebühren zu übernehmen. Als Kapellmeister fand er in Leipzig und Budapest eine Anstellung. 1891 wurde er als erster Kapellmeister nach Hamburg berufen. Als Peter Tschaikowskij in diese Stadt kam, um der deutschen Erstaufführung seiner Oper "Eugen Onegin" beizuwohnen, feierte er Mahler als "einen Mann von Genie". 1897 errang Mahler für die Dauer von 10 Jahren die begehrte Stelle des Hofoperndirektors in Wien. Dort wurde er immer wieder wegen seiner künstlerischen Tätigkeit und seiner jüdischen Herkunft angefeindet. Dennoch leitete er die Hofoper mit großem Erfolg. Aber die Anforderungen dieses Musikbetrie-bes brachten es auch mit sich, daß er sich lediglich in den Ferienmonaten intensiv mit seinen Kompositionen beschäftigen konnte. 1907 legte Mahler, der andauernden Auseinandersetzungen müde, die Leitung der Hofoper nieder, auch um sich verstärkt seinem kompositiorischen Schaffen widmen zu können. Doch noch im gleichen Jahr schloß er einen Vertrag mit der Metropolitan Opera in New York und begann am Neujahrstag des Jahres 1908 mit "Tristan und Isolde" seine Dirigententätigkeit in den Vereinigten Staaten. 1911 gab Mahler sein letztes Konzert in New York, wenige Monate vor seinem Tode und gezeichnet von einer Krankheit, deren Ausgang ihm wohl schon seit 1907 nicht mehr zweifelhaft war. So ist die letzte 1910 begonnene 10. Sinfonie beherrscht von der Stimmung des Abschieds, der Resignation und der Todeserwartung. Davon zeugen auch die Klage und Trauer, deren Spuren sich in Gestalt von Ausrufen in den hinterlassenen Skizzen finden: "Erbarmen: O Gott, warum hast du mich verlassen!" oder "Der Teufel tanzt mit mir! Wahnsinn faßt mich an Verfluchten! Vernichte mich, daß ich vergesse, daß ich bin" und schließlich: "Leb wohl, mein Saitenspiel". Religiöser Glaube, Weltanschauung und symphonische Musik hängen bei Mahler wie bei kaum einem anderen Komponisten des 19. Jahrhunderts aufs engste zusammen. Mahler selbst verstand etliche seiner Werke als Ausdruck seiner Weltanschauung - eine "metaphysische Musik". Seine Symphonien sind von dem Nimbus des Geheimnisvollen und Ungeheuerlichen umgeben. Der Komponist selber galt vielen als "Gottsucher", "Mystiker" und "sinfonierender Philosoph", dessen Schaffen mit schwerer metaphysischer Fracht beladen war. Mahler komponierte seine monumentale dritte Sinfonie nach einigen Vorarbeiten vor allem während der Sommer 1895 und 1896 in Steinbach am Attersee (Salzkammergut). Der Komponist pflegte sich auf größeren Spaziergängen inspirieren zu lassen und dann ins speziell für ihn errichtete "Komponierhäusl" zurückzukehren, "um die Ernte in die Scheune zu bringen". Als Bruno Walter ihn im Juli 1896 dort besuchte und auf das Höllengebirge im Hintergrund blickte, sagte Mahler zu ihm: "Sie brauchen gar nicht mehr hinzusehen - das habe ich schon alles wegkomponiert!" Seiner damaligen Braut Anna von Mildenburg schrieb der Komponist, er arbeite an einem Werk, das "die ganze Welt spiegeln" solle: "Man ist sozusagen nur das Instrument, auf dem das Universum spielt ..." Die Uraufführung der Sinfonie fand am 9. Juni 1902 in Krefeld anläßlich eines Tonkünstlerfests des Allgemeinen Deutschen Musikvereins unter Mahlers Leitung statt.

Mahler hat die suitenhaft-stufenartige Anlage seiner dritten Sinfonie als Programm mit dem Übertitel "Ein Sommermittagstraum" formuliert: Es erzählt nicht einen Vorgang, sondern besteht eher aus Motti: Erste Abteilung - Einleitung: Pan erwacht; Nr. 1: Der Sommer marschiert ein. Zweite Abteilung - Nr. 2: Was mir die Blumen auf der Wiese erzählen. Nr. 3: Was mir die Tiere im Wald erzählen. Nr. 4: Was mir der Mensch erzählt. Nr. 5: Was mir die Engel erzählen. Nr. 6: Was mir die Liebe erzählt. Dieses Programm, brieflich einem Bekannten mitgeteilt, wurde von Mahler nie publiziert. Sein ständiges Erscheinen in Programmheften richte, so Dieter Schnebel, "beträchtliches Unheil" an, insofern es "die eher private Erläuterung Mahlers als verbindlich verordnet und so die Assoziationen des Hörers in eine bestimmte Richtung lenkt, ja einengt, während das Feld der Assoziationen unvergleichlich größer ist." Schnebel hat 1974 in der "Neuen Zeitschrift für Musik" eine grundlegende Interpretation der Sinfonie publiziert. Die dritte ist seiner Meinung nach so angelegt, "daß aus dem dynamischen Geschehen des ersten Satzes die mehr statischen Vorgänge der anderen Sätze wie aus dem Griff eines Fächers gleichsam strahlenförmig in verschiedenen Richtungen laufen", wobei der letzte Satz diesen ausgebreiteten Fächer wieder zusammenfalte und zur Einheit konzentriere. Das Werk sprengt in jeder Beziehung die traditionelle Gattung. Die Aufführungsdauer von 90 Minuten, die Hinzuziehung von Altsolo, Frauen- und Knabenchor zu einer riesenhaften Orchesterbesetzung, die formale Offenheit, die bewußte Disproportionierung der einzelnen Sätze zueinander, die Einbeziehung "niederer" Musik, die jeder Forderung nach "Stil" spottet - alles das läßt erkennen, daß es Mahler nicht um ein in sich geschlossenes Werk, sondern um einen symphonischen Kosmos ging, der über alles Formale hinauswill. Der erste Satz, der längste, den Mahler je schrieb (ca. 40 Minuten lang), wahrt in seiner quasi auskomponierten Diskontinuität das Sonatenschema nur noch umrißhaft. 8 Hörner stimmen das marschartige, an ein bekanntes Studentenlied ("Ich hab' mich ergeben") gemahnendes Hauptthema unisono an, das aber bald von einer trauermarschartigen Episode mit einem charakteristischen Trom-petenruf und anrollenden Bässen abgelöst wird. Im weiteren Verlauf spielt die solistisch machtvoll hervortretende Posaune eine dominierende Rolle. Der Durchführungsteil überläßt dem nun zu unwiderstehlicher Vorwärts-Energie getriebenen Marsch mit den Elementen des Hauptthemas das Feld. Eine Musik, die in ihrer Unbekümmertheit um symphonische "Dignität" - Richard Strauss sprach von Arbeiterbatail-lonen, die vorüberziehen - auch bei Mahler kaum mehr ihresgleichen hat. Aus dem Spannungsfeld von Ruhe - Trauermarsch - und Vorwärtssturm - Liedmarsch konstituiert sich der gesamte Satz. Der Einsatz der Reprise wird durch den Wiedereintritt des Hornthemas deutlich markiert. Einleitung und Marsch erscheinen in gedrängter Form. Über den in jeder Beziehung maßlosen Satz schrieb ein entsetzter Wiener Kritiker: "Für so was verdient der Mann ein paar Jahre Gefängnis." Der graziöse Menuett-Charakter des zweiten Satzes kontrastiert aufs schärfste mit dem vorhergehenden. Liedhaftes spielt hinein. Auch hier bringen wechselnde Metren Unruhe in die Idylle, dem Menuett-Thema stehen rollende Sechzehntel-Läufe gegenüber, dem wiegenden Dreier kecke Zweiertakt-Passagen, ohne daß jedoch der "naive" Grundton des Stückes verlassen würde. Hörte man im ersten Satz vor allem militärische Kommandos, so führt der zweite in den lyrisch-nostalgischen Bereich des bürgerlichen Salons und des Ballsaals. Oft wurde dieser Satz als "Blumenstück" bezeichnet. Mahler selbst meinte dazu: "Es ist das Unbekümmertste, was ich je geschrieben habe - so unbekümmert, wie nur Blumen sein können." Das folgenden Scherzando geht thematisch auf Mahlers Wunderhorn-Lied "Kukuk hat sich zu Tode gefallen" zurück. Zweimal wird der musikalische Fluß unterbrochen durch ein Posthornsolo, welches sich am alpenländischen Wiegenlied "Aber heidschi bumbeidschi" orientiert, - wehmütiger Rückblick auf unwiederbringlich Vergangenes, wobei Mahler Sentimentalität bewußt in Kauf nimmt: wiederum Eindringen des "Niederen" in den musikalischen Kosmos. Erneut Szenenwechsel: zu fast sakral anmutenden, ernsten Klängen intoniert die Altistin Nietzsches "O Mensch, gib acht" aus "Also sprach Zarathustra" (1883-85). Der Mensch spricht, nicht Nietzsches Übermensch, dem Mahler tief mißtraute. Naturlaute klingen hinein, ein musikalisches Misterioso, dem ausgefallene instrumentale Kombinationen das Kolorit des Geheimnisvollen geben. In das verklingende Pianissimo tönt ohne Unterbrechung das heitere "Bimm bamm!" des den fünften Satz eröffnenden Knabenchores mit Glocken hinein. "Es sungen drei Engel ein süßen Gesang" verkündet der Frauenchor. Eine himmlische "Wunderhorn"-Idylle von kindlichem Zauber, apart instrumentiert, erzählt von der Reue ob des Übertretens der "Zehn Gebot". Die kecke Kindlichkeit der Musik, wiederum in stärkstem Kontrast zum Vorhergehenden, macht nun den Weg frei für den Aufstieg in die Höhen, die Mahler mit "Liebe" umschrieb: das Göttliche. Das Final-Adagio ist von einer Weite des Symphonisch-Melodischen und einer Breite der Steigerungsdramatugrie, wie sie nach Beethoven nur noch in Bruckners Adagiosätzen zu finden sind. "Ruhevoll" heben die Violinen mit dem aussingenden Hauptthema an. Ein zunächst gleichfalls von den geteilten Violinen intonierter viertaktiger Seitengedanke kontrastiert nur wenig. Die variative, sich ständig steigernde Entwicklung dieser beiden Themen bestimmt den gesamten Satz. Ein Orchesterrhythmus, der, wenn auch ausdrucksmäßig entgegengesetzt, das formale Gegengewicht zu dem ausufernden Kopfsatz bildet. In einer letzten Aufgipfelung, in die die Orgel ihr Brausen hineintönen läßt, geht die Symphonie, Mahlers formal extensivste, zu Ende.

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Die Termine

So.

02

Juni

Kölner Philharmonie | 02.06.2019 | 20.00 Uhr - 21.45 Uhr


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Letzte Aktualisierung: 26.05.2019 09:31 Uhr     © 2019 Theatergemeinde KÖLN | Auf dem Berlich 34 | 50667 Köln