Kölner Philharmonie

SWR Symphonieorchester

Teodor Currentzis | Dirigent
Foto: Mischa Blank
Teodor Currentzis | Dirigent
Foto: Mischa Blank

Konzert - Schostakowitsch


Teodor Currentzis, Dirigent


Dmitrij Schostakowitsch (1906-1975)
Sinfonie Nr. 7 C-Dur op. 60 (1941)
"Leningrader"

Schostakowitsch erhielt früh privaten Musikunterricht und besuchte das Konservatorium in St. Petersburg, wo er Klavier und Komposition studierte. Noch währenddessen hatte er sensationellen Erfolg mit seiner ersten Sinfonie. Eine vielversprechende Pianistenkarriere begann. Während der vorstalinistischen Jahre bis ca. 1930 lernte er die vorherrschenden westlichen Stile, aber auch die modischen Strömungen des Jazz und der Music-Halls kennen. Von 1937 bis 1957 lehrte er an den Konservatorien in Leningrad und Moskau. 1935/36 wurde er erstmals durch das Zentralkomitee gemaßregelt. Der Vorwurf war der eines abstrakten Rationalismus, und Schostakowitsch wurde zu den massenwirksamen Grundsätzen des „Sozialistischen Realismus“ ermahnt. 1940 wurde ihm dann wieder der Vorwurf übermäßiger Komplikation der musikalischen Sprache gemacht. Doch bereits 1941 erhielt er einen ersten Stalinpreis für seine siebte Sinfonie. Neue Angriffe folgten, als seine Opernkonzeption in das Schussfeld der Parteikritik geriet. Im gleichen Jahr rehabilitierte er sich mit dem Oratorium „Das Lied der Wälder“. Dann nahm er eine Reihe von hohen offiziellen Ämtern wahr, was mit einem wesentlichen Einfluss auf das sowjetische Musikleben verbunden war. Er starb am 9. August 1975 in Moskau als einer der Großen der sowjetischen Musik, der an der Gestaltung des Musikgeschehens des 20. Jahrhunderts maßgebend mitgewirkt hat. In der Musikgeschichte fungiert er als der nächste große Sinfoniker nach Gustav Mahler, dessen Erbe er angetreten und weiterentwickelt hat. „Echte Musik spiegelt nach seiner Ansicht immer die Gefühle, Stimmungen, Leidenschaften, Gedanken und Ideen wider, seine Sehnsucht nach Frieden und Freiheit und den Kampf um diese Güter“, sagte er einmal über Mahler. Dennoch betrachtete er sich als Nachfolger Beethovens, Tschaikowskys und Mussorgskys. Die viersätzige siebte Sinfonie komponierte Schostakowitsch 1941 zum größten Teil während der deutschen Belagerung in Leningrad, die wahrscheinlich eine Millionen sowjetische Tote forderte. Im Oktober des Jahres wurde er mit seiner Frau und seinen Kindern aus der besetzten Stadt ausgeflogen; nach Kuibyschew evakuiert, komponierte er die Sinfonie dort am 27. Dezember zu Ende. Hier wurde sie am 5. März des folgenden Jahres unter Samuil Samossud uraufgeführt, später in Moskau, selbst im blockierten Leningrad, in Nowosibirsk, Jerewan, Orenburg und Baku – wo immer sich die evakuierten sowjetischen Orchester befanden – und nahm von hier ihren Siegeszug um die Welt: Auf Mikrofilm über Persien und Ägypten in den verbündeten Westen ausgeflogen, wurde sie zum Symbol des Widerstandswillens, in England, Nord- und Südamerika von den namhaftesten Dirigenten als „Kriegs-Sinfonie“ präsentiert. „Ich wollte ein Werk über unsere Tage, unser Leben, unsere Menschen schaffen. Unserem Kampf gegen den Faschismus und meiner Heimatstadt Leningrad widme ich meine siebte Sinfonie“, schrieb der Komponist. Wurde die Sinfonie in aller Welt zum Symbol des Kampfes gegen Hitlerdeutschland, so ist sie doch auch ein Requiem auf die schon vor dem Krieg von Stalin zugrundegerichtete Stadt. Das Werk weist unter vielen Aspekten auf Muster traditioneller Kompositionstechniken zurück und versucht gleichzeitig, eine ideologisch-programmatische Bedeutungsschichte in sich zu fassen. Unter seinen Anregungen nannte Schostakowitsch selbst den 79. Psalm – die „Klage wider die Zerstörer Jerusalems“, jener Psalm Davids, an der Gott vergossenes Blut rächt – und hatte hierbei nicht nur seinen gegenwärtigen, sondern auch seinen bisherigen Zerstörer und Unterdrücker im Sinn. Mit der „Leningrader Sinfonie“ begründete Schostakowitsch insgesamt seinen Weltruhm als Sinfoniker. Er wurde als Genie bezeichnet, als Beethoven des 20. Jahrhunderts. Der erste Satz („Der Krieg“, Allegretto) erinnert an den Sommer 1941: „Das Land atmete im friedlichen Überfluß, im Sprühen des Lebens, der Lieder und der Arbeit. An jenem frühen Morgen warfen die Feinde Bomben auf sowjetische Häfen und Städte.“ Und weiter schrieb Schostakowitsch: „Der erste und gleichzeitig ausgedehnteste Satz hat dramatischen, tragischen Charakter. Die drohenden Ereignisse des Krieges haben unser friedliches Leben jäh unterbrochen. Diese Musik hat noch einen andere Aufgabe: Als Requiem soll sie die Trauer unseres Volkes um seinen toten Helden zum Ausdruck bringen.“ In diesem ersten Satz ist ein u.a. auch von Beethoven („Wellingtons Sieg“) und Tschaikowsky („Ouvertüre 1812“) gebrauchtes Verfahren zur Illustrierung militärischer Auseinandersetzungen aufgegriffen. Der gesamte, 350 Takte umfassende Durchführungsteil exponiert in einer riesigen Steigerungslage die penetrant skandierte Marschmelodie der gegnerischen Truppen. Zunächst erklingt ein russisches Lied, dann ertönt ferner Trommelwirbel, der Angriff rollt heran. Als Vorbild für diese Variationsreihe hat Schostakowitsch den „Boléro“ von Ravel nie verleugnet. Unverkennbar klingt Lehárs populäre Melodie „Da geh ich zu Maxim“ aus der „Lustigen Witwe“ auf. Die russische Weise nimmt den Kampf dagegen auf, bewirkt in massiver klanglicher Opposition ihr Stagnieren, Zerbröckeln und schließlich ihr Verschwinden. Ein Adagio des Fagotts betrauert die Opfer des Krieges.

Über die beiden Mittelsätze der Sinfonie schrieb Schostakowitsch: „Die beiden folgenden Sätze sind als Intermezzo gedacht. Sie bilden eine Bekräftigung des Lebens im Gegensatz zum Kriege.“ Der zweite Satz („Erinnerungen“, Moderato, poco allegretto) ist von rührender elegischer Stimmung. „Er enthält kein Programm und keine konkreten Bilder wie der vorangehende Satz. Er hat ein wenig Humor (ich kann nicht ohne diesen!); Shakespeare wußte bestens Bescheid um den Wert des Humors in der Tragödie, und es war ihm klar, daß man den Zuhörer nicht unentwegt in Spannung halten kann.“, so Schostakowitsch. Der Satz beginnt fast geisterhaft, bis eine ausgelassene, marschartige Episode losbricht, die jedoch bald ins gespenstisch Alptraumhafte umkippt. Der dritte Satz („Heimatliche Weiten“, Adagio / Largo) spricht von der wiedererwachten Lebenskraft des russischen Volks. Dieser Satz schwankt zwischen Realität und Erinnerung – ein großer Trauergesang, in dem eine Zwischenepisode von wehmütiger Schönheit wie ein Rückblick auf längst vergangene Tage anmutet.

Der vierte Satz („Der Sieg“, Allegro non troppo) kündigt den künftigen Triumph des gerechten Abwehrkampfes an: Er ist „unserem Sieg gewidmet. Er ist die direkte Fortsetzung, die logische Folgerung des zweiten und dritten Satzes. Er symbolisiert den Sieg des Lichtes über die Dunkelheit, der Weisheit über den Wahnsinn, der Menschlichkeit über die Tyrannei“. Dieses Finale beginnt zunächst fahl, Signale blitzen auf, dann erst kommt es marschartig in Bewegung, wird in Synkopierungen vorangetrieben, schließlich vom Blech und jagenden Streicherfiguren vorwärtsgepeitscht. Aus einem blockartigen, unheimlich auf der Stelle tretenden Trauermarsch entwickelt sich langsam die Schluss-Apotheose, immer deutlicher nimmt das Hauptthema Gestalt an, bis es von der Pauke gehämmert, dann drohend vom Blech geschmettert wird. Auch das Hauptthema des Kopfsatzes kehrt wieder, ehe der Satz – von der Pauke schier zerschlagen – eher abreißt denn ausklingt.



Heidi Rogge

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Die Termine

Do.

20

Juni

Kölner Philharmonie | 20.06.2019 | 20.00 Uhr - 21.20 Uhr


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Letzte Aktualisierung: 26.05.2019 08:31 Uhr     © 2019 Theatergemeinde KÖLN | Auf dem Berlich 34 | 50667 Köln