Kölner Philharmonie

Gürzenich-Orchester Köln

Anna Lucia Richter | Sopran
Foto: Jessica Meier
Anna Lucia Richter | Sopran
Foto: Jessica Meier

Konzert - Bach

François-Xavier Roth, Dirigent

Matthias Klink, Evangelist
Tareq Nazmi, Christus
Anna Lucia Richter, Sopran
Isabelle Druet, Alt
Benjamin Bruns, Tenor

Mitglieder der Chöre am Kölner Dom
Eberhard Metternich, Einstudierung


Johann Sebastian Bach
»Johannespassion« BWV 245 (1724/49)

Die Tradition der Passionsmusiken hat ihren Ursprung im 13. Jahrhundert, als die Lesung der Leidensgeschichte Jesu auf verschiedene Stimmlagen verteilt wurde. Zu Beginn trug der Diakon den Text des Evangelisten in mittlerer Stimmlage vor. Zwei weitere Kleriker verlasen die Worte Jesu in tiefer Lage und die Reden weiterer Nebenpersonen in höherem und lebhafterem Ton. Später stellte man diesen Einzelpersonen die Äußerungen des Volkes, der Hohepriester und Soldaten als Chor (Turba) gegenüber. Aus den vielen verschiedenen Formen, die sich im Laufe der Zeit herausbildeten, vermischte Heinrich Schütz (1585-1672) die beiden wichtigsten zur dramatischen Passion. Diese enthält aus der Choralpassion die rezitativisch angelegte, gregorianische Einstimmigkeit, in den Berichten der Einzelpersonen, die von Solostimmen vorgetragen werden. Aus der polyphon gehaltenen Motettenpassion übernahm Schütz die kunstvollen Turba-Chöre, die jeweils Volksgruppen darstellen. Schütz fügte außerdem nicht-biblische Texte am Anfang und Schluss ein, die meist eine Danksagung darstellten. Johann Sebastian Bach (1685-1750) führte die Gattung der Passion zu ihrer Vollendung und Krönung. In seinen oratorischen Passionen nutzte er alle Mittel der damaligen Musiktraditionen: den Instrumentalklang, die Arienform der Oper, den reichen Chorsatz des Oratoriums und den Choral der evangelischen Kirche. Zu Bachs Zeit gehörte es zum festen liturgischen Brauch, während der Karwoche alle vier Evangelien zu rezitieren. Das Johannes-Evangelium war jeweils am Karfreitag an der Reihe. In den beiden Leipziger Hauptkirchen, der Thomas- und der Nicolaikirche, fanden die Lesungen innerhalb schlichter Vespern statt. 1717 wurde erstmals in der Neukirche eine musikalische Passion Georg Philipp Telemanns (1681-1767) über den damals geschmacksbeherrschenden Text von B. H. Brockes, der nur aus freier Dichtung bestand, aufgeführt. Wegen dieser Konkurrenz beantragte 1721 Johann Kuhnau, Bachs Vorgänger in Leipzig, eine oratorische Passionsmusik auch im Vespergottesdienst der Thomaskirche aufführen zu dürfen. Im folgenden Jahr erklang daraufhin eine Passion Kuhnaus, die nur Strophen-Arien und schlichte Chöre enthielt. Die Johannes-Passion Bachs, die 1724, zehn Monate nach seiner Amtseinführung in der Nicolai-Kirche ihre Uraufführung erlebte, mußte bei den damaligen Zuhörern einen außergewöhnlich modernen Eindruck gemacht haben. Zwar hielt Bach, im Gegensatz zu anderen Komponisten seiner Zeit am Bibelwort der Evangelienerzählung fest. Er bereicherte jedoch den Bericht durch lyrisch-meditative Einschübe, Chorsätze und Arien. Der Arie gewährt Bach breiteren Raum als sein Amtsvorgänger Kuhnau, seine Rezitative sind von ausgesprochen dramatischer Expressivität. Die Textgrundlage der Passion bilden die Kapitel 18 und 19 des Johannes-Evangeliums. Zwei Einfügungen aus der Passion von Matthäus entsprachen der üblichen Praxis, einem Evangelien-Text die ihm fehlenden Stellen aus den drei übrigen Evangelien hinzuzufügen. Der Bericht der Passion beginnt mit der Gefangennahme Jesu in Gethsemane, enthält die Verleugnung des Petrus, das Verhör beim Hohepriester, das Gericht des Pilatus, die Kreuzigung und das Begräbnis. Der Evangelist Johannes vermied es, die Torturen eingehend zu schildern, die man Jesus antat. Die Vorgänge werden zwar genannt, Einzelheiten jedoch verschwiegen. Jesus wird von Johannes als Gesandter seines Vaters beschrieben, dessen Botschaft er den Menschen zu überbringen hat. Die Passion wird ein Sieg über den Tod. Von der Johannes-Passion Bachs existieren mehrere Fassungen. Zu jeder Aufführung, die die Forschung inzwischen auf die Jahre 1724, 1725, 1730 und 1749 festlegen konnte, verfasste Bach Änderungen. Die Fassung von 1749 stellt die Anfangsausgabe fast vollständig wieder her. Eine endgültige Partitur wurde begonnen, jedoch nicht beendet. Für den Evangelisten und Einzelpersonen benutzte Bach den Secco-Rezitativstil. Hier zeigt sich Bachs Vorliebe für reiche und vielfach kühne Harmonik, weite Intervallsprünge und kontrastreiche Notenwerte. Von den acht Arien der Johannes-Passion werden zwei mit einem Arioso eingeleitet. Bach achtete auf eine abwechslungsreiche Verteilung der Stimmlagen und der Instrumentation. Der jeweilige Affekt einer Arie wird durch raffinierte Klangkombinationen der Soloinstrumente unterstrichen. Die Turba-Chöre erfuhren eine anspruchsvolle Ausarbeitung. Die entweder homorhythmischen Ausrufe oder polyphonen Sätze werden von Bach mit Hilfe kompositorischer Mittel einander angeglichen. Sie enthalten einen gleichbleibenden instrumentalen Modellsatz als Rahmen und im Vokalpart je zweier Chorsätze, die Entsprechungen im Wortlaut haben, korrespondieren die Melodien. Die Texte der Kirchenliedstrophen sind frei gewählt. Vier Sätze stammen aus dem 16., sieben aus dem 17. und einer aus dem 18. Jahrhundert. Die schlichten Choräle stellen das Gemeindebekenntnis dar. Sie wurden oft von der Gemeinde mitgesungen. Der Eingangschor hat mit seiner freien Dichtung die Funktion des Exordiums, dem der Schlußchor als Conclusio gegenübersteht. Beide Stücke wurden in der zweiten Fassung verändert. Jede Nummer ist bis ins Detail charakteristisch ausgeformt. Alle Texte sind musikalisch reich "geschmückt" im Sinne der barocken Figuren-Lehre und auch in Einzelheiten ausgedeutet. Bach gelang eine eindrucksvolle Schilderung der Leidensgeschichte, die heute längst dem musikalischen Weltkulturerbe zugerechnet wird.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Rheinland zu einem wesentlichen Motor der Wiederentdeckung Johann Sebastian Bachs. Besonders Robert Schumann setzte sich dafür ein. Er führte unter anderem die lange Zeit in Vergessenheit geratene »Johannespassion« 1851 in Düsseldorf erstmals wieder auf. Beteiligt waren damals auch Chorsänger aus Köln. Die »Johannespassion« ist Bachs erstes Passions-Oratorium, das ihn gleichwohl noch bis ins letzte Jahr als Leipziger Thomaskantor weiter beschäftigte: Er hat das für seine Unmittelbarkeit des Ausdrucks und seine Dramatik geschätzte Werk mehrfach umgearbeitet. In diesem Karfreitagskonzert widmet sich Gürzenich-Kapellmeister François-Xavier Roth mit dem Gürzenich-Orchester erneut der »Johannespassion« von Johann Sebastian Bach. Im Zentrum der Aufführung steht die absolute Vergegenwärtigung dieses zentralen Werkes der europäischen Musikgeschichte.

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Letzte Aktualisierung: 26.05.2019 08:31 Uhr     © 2019 Theatergemeinde KÖLN | Auf dem Berlich 34 | 50667 Köln