Kölner Philharmonie

Gürzenich-Orchester Köln

Nicholas Collon | Dirigent
Foto: Jim Hinson
Nicholas Collon | Dirigent
Foto: Jim Hinson

Konzert - Webern, Schnittke, Strauss

Nicholas Collon, Dirigent

Lawrence Power, Viola

Anton Webern (1883 - 1945)
Sechs Stücke für großes Orchester op. 6 (1909)

Einer vornehmen Familie des österreichischen Beamtenadels entstammend, studierte Webern zwischen 1902 und 1906 zunächst Musikwissenschaft an der Wiener Universität. Ab 1904 führte er daneben ein Kompositionsstudium bei Arnold Schönberg durch. Aus der Bekanntschaft mit Schönberg entwickelte sich eine künstlerische Partnerschaft zwischen dem älteren und dem jüngeren Komponisten, die durch alle Phasen von Schönbergs künstlerischer Entwicklung, einschließlich der zunehmenden Bedeutung „atonaler“ Tendenzen, anhielt. So gilt Webern als einer der bedeutendsten Konstruktivisten in der Musik. Sein Leben endete tragisch: Im Frühjahr 1945 floh er vor den nahenden Kriegswirren zusammen mit seiner Frau zu den Töchtern ins tirolische Mittersill. Als er am späten Abend des 15. September 1945 noch vor der Haustüre eine Zigarette rauchen wollte, wurde er von einem amerikanischen Besatzungssoldaten versehentlich erschossen. Wie sein Lehrer und Vorbild Arnold Schönberg ging auch Webern stets vom kompositorischen Handwerk der Vorklassik und Klassik aus. Das bedeutet die Aufnahme traditioneller Formen, die Berücksichtigung von „Themen“, ja sogar die Entwicklung von „Melodien“. All das ist in Weberns Frühwerk noch zu erkennen und, wenn auch nicht immer bruchlos, mit herkömmlichen Begriffen zu erklären. Am stärksten entziehen sich jedoch von Anfang an die rein instrumentalen Stücke dem herkömmlichen Verständnis. In ihrer aphoristischen Kürze – sie dauern stets nur wenige Minuten, manchmal sogar nur Sekunden – lassen sie für die übliche Behandlung des Tonmaterials keinen Raum mehr. Sieht man einmal von dem frühen Orchesterpoem „Im Sommerwind“ von 1904 (noch ohne Opuszahl) ab, dann ist das Opus 6 aus dem Jahre 1909 Weberns erstes vollgültiges Orchesterwerk. Es weist eine große Besetzung auf. Webern fordert für die Bläser nicht weniger als vier Flöten, vier Oboen, fünf Klarinetten, drei Fagotte, je sechs Trompeten, Hörner, Posaunen sowie eine Basstuba. Die Anregung zur Nutzung eines großen Orchesterapparates mag von Schönberg ausgegangen sein, der 1909 seine Orchesterstücke op. 16 vollendet hatte. Webern scheint sich allerdings die Kritik an der enormen Größe des Orchesters zu Herzen genommen haben, denn 1928 hat er noch eine orchestermäßig erheblich reduzierte Fassung des Werkes vorgelegt.
Die „Sechs Stücke“, op. 6, sind von ihrer zeitlichen Ausdehnung her sehr knapp gehalten. Die Stücke tragen die Überschriften 1. „Etwas bewegt“, 2. „Bewegt“, 3. „Zart bewegt“, 4. „Langsam, marcia funebre“, 5. „Sehr langsam“ und 6. „Zart bewegt“ und dauern zwischen einer Minute und viereinhalb Minuten. Neben der Kürze und dem Verzicht auf Wiederholung und thematisch-motivische Durcharbeitung fällt die erwähnte formgebende Funktion der Klangfarben auf. Wie viele seiner früheren Werke wurde auch die Konzeption des op. 6 durch den Tod von Weberns Mutter ausgelöst. Webern schrieb darüber vor der Uraufführung 1913 im Großen Musikvereinssaal in Wien an Arnold Schönberg, der das Konzert dirigierte: „Das erste Stück will meine Stimmung ausdrücken als ich noch in Wien war, bereits das Unglück ahnend, aber doch noch immer hoffend, die Mutter lebend anzutreffen. Es war ein schöner Tag, eine Minute lang glaubte ich ganz sicher, es sei nichts geschehen. Erst auf der Fahrt nach Kärnten, es war der nämliche Tag, am Nachmittag, erfuhr ich die Tatsache. Das 3. Stück ist der Eindruck des Duftes der Eriken, die ich an einer für mich sehr bedeutungsvollen Stelle im Walde pflückte und auf die Bahre legte. Das vierte Stück habe ich nachträglich marcia funebre überschrieben. Noch heute verstehe ich nicht meine Empfindung, als ich hinter dem Sarge zum Friedhof ging. Ich weiß nur, dass ich den ganzen Weg hoch aufgerichtet ging, vielleicht um im weiten Umkreis alles niedrige zurückzubannen.”
Spieldauer: ca. 12 Min.

Alfred Schnittke (1934 - 1998)
Konzert für Viola und Orchester (1985)

Alfred Schnittke, geboren 1934 in Engels (damals Hauptstadt der Wolgadeutschen Autonomen Sowjetrepublik mit deutscher Amtssprache), war das Kind einer Wolgadeutschen und eines emigrierten Frankfurter Juden. Er studierte Komposition am Moskauer Konservatorium und wurde in den 1970er Jahren in ganz Europa bekannt, als Musiker wie Gidon Kremer, Tatjana Grindenko und Gennadi Roschdestwensky seine Werke auf Konzertreisen mitnahmen. Schließlich durfte Schnittke auch selbst reisen und nahm 1990 die deutsche Staatsbürgerschaft an. Er lebte in Hamburg und unterrichtete an der dortigen Musikhochschule. Der „Schnittke-Boom“ war von Schweden ausgegangen und machte den Musiker, der sich als Deutscher, Russe und Jude fühlte, zum erfolgreichsten zeitgenössischen Komponisten. Alfred Schnittke starb, gezeichnet von mehreren Schlaganfällen, im August 1998 in Hamburg; er wurde feierlich in Moskau beigesetzt. In seinen Werken brachte er Vergangenes und Gegenwärtiges auf eine einzige musikalische Ebene: Er verband Elemente des Barock und der Klassik mit neuer Tonsprache und verfremdete traditionelle Formen und Klänge mit Techniken der Neuen Musik. Diese sogenannte Polystilistik ließ neue musikalische Räume entstehen. Schnittkes Konzert für Viola und Orchester stammt aus dem Jahre 1985. Es entstand auf die Bitte hin des Bratschisten Yuri Bashmet, den Schnittke 1977 kennengelernt hatte. Die Erfüllung dieses Wunsches dauerte allerdings bis zum Jahre 1985, ein Jahr später wurde es in Amsterdam mit dem Concertgebouw Orchestra unter Gennadi Roshdestvensky und Bashmet uraufgeführt. Es ist das vierte, letzte und vielleicht bedeutendste unter den Bratschenkonzerten des 20. Jahrhunderts (neben denen von Bartók, Hindemith und Walton), kein Bratscher von Weltformat kommt daran vorbei. Das Entstehungsjahr 1985 stellt einen tiefen Einschnitt im Leben Schnittkes dar. Kurz nach Fertigstellung des Bratschenkonzerts hatte er seinen ersten Schlaganfall, von dem er sich nur langsam erholte und nach dem sein Schaffen eine neue Richtung nahm. Er selbst sah in seinem Konzert rückblickend einen „vorläufigen Abschied vom Leben“. Und dieser Eindruck drängt sich dem Hörer auch sofort auf. Obwohl das Werk in vielerlei Hinsicht die klanglichen Erwartungen immer wieder bricht, folgt es doch der klassischen Dreisätzigkeit, allerdings in umgekehrter Reihenfolge der „Tradition“: statt „schnelllangsam-schnell“ folgen hier die Tempi „langsamschnelllangsam“. Das Bratschenkonzert ist zwar keine Programmmusik im eigentlichen Sinne, behandelt aber doch die „großen Themen“ wie den Kampf des Einzelnen gegen die Widrigkeiten des Lebens, den Rückblick auf schöne Momente, das SichErgeben in sein Schicksal, so Schnittke selbst zu seinem Werk. Den langen Schlusssatz hat er als „langsame und traurige Lebensüberschau an der Todesschwelle“ bezeichnet, was auch durchaus musikalisch erkennbar und hörbar ist. Der Orchesterklang ist dunkel, Schnittke hat komplett auf Geigen verzichtet, dafür werden die Bratschen manchmal achtmal, die Celli sechsmal geteilt. Und mit Klavier, Cembalo und Celesta bringt er exotische Klangwirkungen. Im Mittelpunkt steht der einzelne Mensch, verkörpert durch den Solisten: „Endlich ist die Bratsche der Held“, soll sich Yuri Bashmet dazu geäußert haben. Der Solist hat eine Herkulesaufgabe zu bewältigen: Im Unterschied zu klassischen Instrumentalkonzerten hat er so gut wie keine Ruhepausen. Das Material des Stücks wird zu großen Teilen schon in den ersten Takten des ersten Satzes vorgestellt und später aufgenommen und verarbeitet. Dazu gehört auch das Motiv „b – a – es“, mit dem Schnittke seinem Solisten und Widmungsträger Yuri Bashmet auch im Werk selbst huldigt. Alles in allem also ein geschlossenes und konsequentes Werk, das trotz gelegentlicher idyllischer Passagen und Reminiszenzen an die Vergangenheit doch auch die Brüche der Moderne zum klanglichen Ausdruck bringt.
Spieldauer: ca. 36 Min.

Richard Strauss (1864 – 1949)
»Eine Alpensinfonie« op. 64 (1899-1915)

Die Alpensinfonie op. 64 ist Strauss‘ letzte, und in formaler und instrumentaler Sicht auch seine aufwendigste Tondichtung. Sie ist das Ergebnis einer Kompositionsarbeit von nur 100 Tagen (entstanden 1914/ 1915 in Garmisch), wenngleich die ersten Skizzen in das Jahr 1911 zurückgehen. Strauss, ein leidenschaftlicher Bergfreund, wurde angeregt durch das Panorama seiner Wohnung in Garmisch, das den Blick auf die Zugspitze und den Wetterstein freigab. Solchermaßen inspiriert schuf er eine illustrative musikalische Bergtour, die einen Orchesterapparat erfordert, der seinesgleichen sucht: neben doppelter Bläserbesetzung fordert die Partitur noch Orgel, Windmaschine, Donnermaschine, Glockenspiel, Herdenglocken und Tamtam. Hinter der Bühne werden noch zusätzlich 12 (!) Hörner verlangt. „Ich hab einmal komponieren wollen, wie die Kuh Milch gibt“. Aus dieser ganz naiven, unreflektierten Einstellung heraus ist auch eine gewisse Unbekümmertheit der thematischen Erfindung zu erklären: Anders als in Beethovens 'Pastoralsinfonie' rangiert in Strauss' Alpensinfonie die (Ton-) Malerei vor der Empfindung. Strauss hat den einzelnen Abschnitten der durchkomponierten Riesenpartitur Überschriften beigefügt, so dass die Deutung der musikalischen Bilderfolge nicht zu verfehlen ist: Nacht: In Fagotten und zwanzigfach geteilten Streichern sinkt stufenweise bei liegenbleibenden Tönen die b-Moll Tonleiter herab. Der folgende Sonnenaufgang mit seinem Sonnenthema erinnert an Giordanos Caro mio ben. In Der Anstieg entfaltet sich das bisher nur vage angedeutete Wanderthema, ein sehr lebhaft und energisch vorgeschriebenes, in punktiertem Rhythmus nach oben strebendes Gebilde, das als motivische Klammer das ganze Werk durchzieht. Ein Gegenmotiv veranschaulicht die drohenden Gefahren. Ferne Hörner und rauschende Streicherarpeggien verlebendigen den Eintritt in den Wald. Figurierte Streicher und Holzbläser malen später die Wanderung neben dem Bach. Dann wird Der Wasserfall erreicht: Springbogenfiguren und Glissandi der Streicher, Holzbläserläufe, Harfen, Triangel, Glockenspiel. Die Oboe zeichnet eine Erscheinung hinter diesem Wasserspiel. Das Horn intoniert eine neue Weise, die das Themenmaterial abrundet. Auf blumigen Wiesen hört man den Vogelgesang. Dann ist der Wanderer Auf der Alm. Die Holzbläser suggerieren lustige Jodler, und an- und abschwellende Herdenglocken lassen an der Örtlichkeit keinen Zweifel. Ein Fugato lässt das Wanderthema sich Durch Dickicht und Gestrüpp auf Irrwegen vorwärtskämpfen. Die Blechbläser intonieren das Bergmotiv. Paukengrundiert erscheint gellend das synkopierte Gefahrenthema in Trompeten und Es-Klarinette, das von den Violinen hochgetrieben wird: wir sind Auf dem Gletscher. Aber noch drohen Gefahrvolle Augenblicke. Schließlich kündet das Gipfelmotiv in den vier Posaunen an, dass wir Auf dem Gipfel angekommen sind. Stockender Oboengesang weckt zunächst Beklemmung. Kraftvolle Hornrufe erinnern an die Erscheinung des Wasserfalls. Die verschiedenen Themen verflechten sich zu einer Vision. Feierliches Fugato, leuchtende Triller des Sonnenthemas, dazu das Gipfelmotiv in hoher Lage, Sonnenthema in den Posaunen und Trompeten gewaltig auftürmend: Gipfelsieg! Aber dann: Nebel steigen auf. Das Bild trübt sich. Die Sonne verdüstert sich allmählich. Die Alt-Oboe rekapituliert als Elegie das nun matt und grau klingende Sonnenthema. Fernes Donnergrollen der Pauke suggeriert beklemmend die Stille vor dem Sturm. Dann brechen Gewitter und Sturm im Höllenlärm des ganzen Orchesters mit durchscheinenden zerfetzten Themen los. Nach allmählicher Beruhigung scheint das Bergmotiv auf: Sonnenuntergang. Trompeten, Posaunen und Harfen intonieren einen feierlichen Gesang. Die Orgel führt ihn fort. Erinnernd tauchen als ruhiger Ausklang die verschiedenen Themen der Wanderung auf. Wie zu Beginn kündigt die absteigende b-Moll Skala wiederum die Nacht an. Schattenhaft ertönen noch einmal Berg- und Wanderthema. Strauss erreicht in diesem Werk seinen Höhepunkt raffinierter Instrumentationskunst. „Jetzt habe ich endlich instrumentieren gelernt“, sagte er nach der Berliner Generalprobe.
Spieldauer: ca. 55 Min.






Konzerteinführung eine Stunde vor Beginn

Christoph Prasser

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Letzte Aktualisierung: 26.05.2019 08:31 Uhr     © 2019 Theatergemeinde KÖLN | Auf dem Berlich 34 | 50667 Köln