Kölner Philharmonie

Philharmonie Novosibirsk

Markus Sanderling
Foto: Klaus Rudolph
Markus Sanderling
Foto: Klaus Rudolph

Russisch-deutsche Symbiose aus Sibirien
Konzert - Beethoven, Tschaikowsky

Thomas Sanderling, Dirigent
Nikolai Tokarew, Klavier


Ludwig van Beethoven (1770-1827)
Coriolan-Ouvertüre c-moll op.62

Laut den Angaben des Autographs ist die Ouvertüre zu „Coriolan“ 1807 entstanden. Die Erstaufführung war im März 1807 in einem Subskriptionskonzert im Palais Lobkowitz (zusammen mit op. 58 und op. 60). Beethoven widmete die Ouvertüre dem Dichter Heinrich von Collin, auf dessen Werk sie auch basiert. Collin (1772-1811) war k.u.k. Hofsekretär und ein bekannter Dichter in Wien. Mit ihm stand Beethoven wegen mehreren Libretti in Kontakt (u.a. einem „Macbeth“-Text), den Shakespeareschen „Coriolan“ hat er nicht gekannt. Die Tragödie Collins, die heute vergessen ist, bietet Beethovensche Züge: den Konflikt von Ethos und Unzulänglichkeit. Dies ist völlig anders als sonst bei Beethoven: Es geht nicht um den Sieg, sondern um den Untergang des Helden. Diesen Konflikt machte er auch zum Sujet seiner Ouvertüre. Aufführungsgeschichtlich ist das Werk die erste Schauspielouvertüre und neben den Festouvertüren op. 115 und op. 124 die einzige ohne nachfolgende Musik. Für Beethoven war dies ein Neuland – wie auch bei der Ouvertüre zu „Die Geschöpfe des Prometheus“ op. 43 und den verschiedenen Versionen zu „Fidelio“ (Leonore). Doch gab es im Vergleich dazu kein Problem bei der Komposition: Die Partitur des „Coriolan“ ist in zwei Monaten entstanden. Dieses Werk hat insgesamt eine epochale Bedeutung, denn die Ouvertüre eröffnet die Geschichte der programmatischen Instrumentalmusik im 19. Jahrhundert.
Zum Inhalt: Coriolan ist ein Held Roms, der aus seiner Heimat verbannt wurde, da er sich über den Willen des Volkes herrisch hinwegsetzte. Er will nun voller Trotz und in unheiligem Bund mit den Feinden an der Vaterstadt Rache nehmen. Vor den Toren Roms trifft er auf zwei liebende und geliebte Frauen (Mutter und Gattin des Abtrünnigen), die ihn mit flehentlichen Blicken in Zweifel am eigenen Tun stürzen und ihn dadurch dazu bewegen, umzukehren. Coriolan steht nun ausweglos in einem Konflikt zwischen Vaterlandsliebe und selbstgerechtem Hochmut. Er scheitert und stürzt sich ins eigene Schwert. – Formal ist in der Ouvertüre eine Sonatenhauptsatzform zu erkennen, allerdings mit einigen Besonderheiten, die auf den Inhalt der Tragödie und den Tod Coriolans am Ende gründen. Die Tonart c-Moll verweist schon äußerlich auf das Tragische. Beethoven drückt den Trotz Coriolans, die Szene mit der Mutter und seiner Frau sowie den Tod Coriolans am Ende in einem gewaltigen und tragisch auslaufenden Tongeschehen aus. Er „malt“ das Bild des taumelnden, sterbend zusammenbrechenden Helden mit erschütternder Realität – durch dumpfe kurze Pizzicato-Unisono im Pianissimo. Das Werk weist insgesamt eine geringe Themen- und Motivanzahl auf. Gewaltiges wird auf kleinstem Raum zusammengedrängt. Das erste Thema charakterisiert den Helden, der gegen die Heimatstadt zu Felde ziehen will, das zweite die Stimme des Gewissens, die Heimatliebe, die Menschlichkeit. Hinzu kommt der extreme Einsatz eines starken Rhythmus. Gerade deshalb ist auch der Schluss erschütternd, da mit einem Male eine Art „Nacht des Schweigens“ herrscht.

Pjotr Iljitsch Tschaikowsky (1840-1893)
Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll op.23

Tschaikowskys erstes Klavierkonzert gehört ohne Zweifel zu den Paradestücken der Klaviervirtuosen. Die erste Erwähnung des Werkes findet sich in einem Brief des Komponisten aus dem Oktober 1874. Und am 21. November 1874 schrieb Tschaikowsky an seinen Bruder Anatol: „Ich bin ganz in die Komposition eines Klavierkonzerts versunken. Ich wünsche sehr, daß es Rubinstein in einem Konzert zum Vortrag bringt. Die Arbeit geht sehr langsam vorwärts und will nicht recht gelingen.“ Als er den Klavierpart dann Nikolai Rubinstein vorspielte, bezeichnete dieser das Werk als „wertlos“ und „völlig unspielbar“. Die Komposition sei schlecht, trivial und vulgär. Rubinstein verlangte eine Umarbeitung, Tschaikowsky lehnte ab und widmete das Konzert kurzerhand dem damals bereits weltberühmten Dirigenten und Pianisten Hans von Bülow, der sich nicht nur enthusiastisch über das Werk äußerte, sondern es sofort nach Amerika mitnahm und am 25.10.1875 in einem Konzert in Boston unter der Leitung von Benjamin Johnson Lang zum ersten Mal öffentlich aufführte. Auf Anraten allzu wohlmeinender Freunde nahm Tschaikowsky in den folgenden Jahren an der Partitur noch eine Reihe von Änderungen vor, die allerdings im Wesentlichen nur die Anlage der Klavierstimme und manche Tempo-Bezeichnungen betrafen.
Das Konzert beginnt äußerst spektakulär. Hörnerfanfaren und markante Orchesterrufe eröffnen das Spiel, das der Solist dann allerdings nach nur fünf Takten mit wuchtigen Akkorden buchstäblich an sich reißt, während die Violinen und Celli eine einfache Melodie anstimmen („Allegro non troppo e molto maestoso“). In der Folge übernimmt die Klavierstimme diese Melodie, begleitet von dem schwungvoll aufspielenden Orchester. So geht es zügig zum „Allegro con spirito“, dessen Hauptthema, vom Klavier vorgetragen, Teil einer Melodie ist, die von blinden, sogenannten „Lyra-Sängern“ in der Ukraine gesungen wurde. Einen deutlichen Gegensatz bildet das zweite lyrische Thema („Poco meno messo“), das in seiner Melodieführung an eine Klavierminiatur von Schumann erinnert. Im Wechselspiel zwischen dem Solisten und dem stark besetzten Orchester wird dieses thematische Material wirkungsvoll verarbeitet, wobei vor allem die Klavierstimme so ausgestaltet ist, dass der Solist immer wieder Gelegenheit erhält, sein Können als Virtuose vorzuführen. Gelegenheit hierzu bietet auch die ausladende Kadenz. Die Coda beendet den ersten Satz mit kraftvoller Steigerung. Der zweite Satz („Andantino simplice – Prestissimo – Tempo I“) beginnt mit einer melancholischen Flötenmelodie, die vom Klavier und den anderen Instrumenten des Orchesters nach und nach aufgegriffen wird. Im schnellen Mittelteil, dessen ursprüngliche Tempobezeichnung allerdings nicht „Prestissimo“, sondern „Allegro vivace assai“ lautete und damit ein gemäßigteres Tempo vorschrieb, greift Tschaikowsky ein französisches Chanson auf, das er mit seinem Bruder Jahre zuvor ständig gesungen hat (sinngemäße Übersetzung: „Man muss sich amüsieren, tanzen und lachen“). Nach dem rascheren Zwischenspiel führt der Satz zurück zur lyrischen Stimmung des Eingangs. Pianistische Brillanz entfaltet auch das abschließende Finale („Allegro con fuoco“). Sein bekanntes erstes Thema geht ebenfalls auf eine ukrainische Volksweise zurück, die Tschaikowsky wenige Jahre zuvor in einer Liedersammlung gefunden hatte. Auch das zweite Thema dieses Satzes bleibt ganz im Umkreis des melodischen Materials, welches das „russische Element“ in diesem Werk verkörpert. Der Satz schließt mit großer Brillanz ab.

Ludwig van Beethoven
Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92

Beethoven komponierte seine siebte Sinfonie während der Jahre 1809 bis 1812. Die Uraufführung fand am 8. Dezember 1813 in der Aula der Wiener Universität „zum Besten der in der Schlacht bei Hanau invalid gewordenen österreichischen und bairischen Krieger“ statt. In diesem und anderen Konzerten erlangte Beethoven erstmals nach den Misserfolgen der vorhergehenden Sinfonien überwältigende Erfolge. Der zweite Satz der Sinfonie musste in allen Aufführungen wiederholt werden. Zahlreiche Bearbeitungen zeugen ebenfalls von der Beliebtheit des Werkes. Louis Spohr, der in der Uraufführung in den Violinen mitwirkte, beschrieb die Dirigierweise des damals fast völlig tauben Beethoven als sehr exzentrisch: „Beethoven hatte sich angewöhnt, dem Orchester die Ausdruckszeichen durch allerlei sonderbare Körperbewegungen anzudeuten. Bei dem Piano bückte er sich nieder, und umso tiefer, je schwächer er es wollte. Trat dann ein Crescendo ein, so richtete er sich nach und nach wieder auf und sprang beim Eintritt des Forte hoch in die Höhe.“ Spohr beklagte sich ebenfalls über Beethovens Unvermögen, das Orchester dazu zu bringen, mit ihm Takt zu halten.
Die siebte Sinfonie besitzt die längste Einleitung aller Sinfonien Beethovens. Zwei freundliche Themen bestimmen die romantisch-schwärmerische Grundhaltung der gedanklich selbständigen Einleitung („Poco sostenuto“). Nach einer witzigen Überleitung zum Hauptthema wird der Satz („Vivace“) von einem hüpfenden Rhythmus beherrscht. Starke dynamische Schwankungen, dramatische Generalpausen und auffallende Modulationen verstärken den Eindruck des Sprunghaften und Wilden. In der Durchführung werden zahlreiche Varianten des Hauptthemas gebildet. Die kontrastbetonte Reprise wiederholt alle Elemente des Satzes und fügt sie schließlich ineinander. Ähnlich wie in seiner fünften Sinfonie verarbeitete Beethoven in diesem Satz kleinste Motive der Melodie. – Der zweite Satz („Allegretto“) ist mit seinem schmerzvollen Thema ein wahrhafter Gegensatz zum ersten Satz. Das Hauptthema, das zunächst von den tiefen Streichern intoniert wird, entwickelte Beethoven aus einem Gedanken, der ursprünglich für das Streichquartett op. 59, Nr. 3 von 1806 bestimmt war. Es erlebt durch den ständigen Impuls der Streicher eine fortlaufende Weiterführung und wird später mit dem zweiten Thema verwebt. – Das übermütig tänzelnde Hauptthema des dritten Satzes („Presto“) verdeutlicht seine unbändige Fröhlichkeit durch eine eigenwillige Rhythmik, starke dynamische Schwankungen und gewagte Modulationen. Das Trio im ruhigeren Zeitmaß erhielt sein Thema angeblich aus einem österreichischen Wallfahrtslied. Seine dritte Wiederholung wird durch Orchesterschläge aufgehalten. – Das Hauptthema des Finales („Allegro con brio“) basiert auf einer irischen Volksmelodie mit Betonung auf den schwachen Taktteilen.

Heidi Rogge

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Letzte Aktualisierung: 13.11.2019 14:30 Uhr     © 2019 Theatergemeinde KÖLN | Auf dem Berlich 34 | 50667 Köln