Kölner Philharmonie

Gewandhausorchester Leipzig

Andris Nelson
Foto: Marco Borggreve
Andris Nelson
Foto: Marco Borggreve

Konzert

Andris Nelsons, Dirigent

Anton Bruckner (1824-1896)
Sinfonie Nr. 8 c-Moll WAB 108 (1890)


Anton Bruckner wurde am 4. September 1824 im oberösterreichischen Dörfchen Ansfelden als Sohn eines Schulmeisters geboren. Als Sängerknabe kam er erstmals intensiv mit der Musik in Kontakt, war aber bei seiner musikalischen Ausbildung zunächst einmal auf das Selbststudium angewiesen, bevor er 1855 – damals immerhin bereits 32 Jahre alt – Schüler des bedeutenden Wiener Musiktheoretikers Simon Sechter wurde. Dieser verschaffte ihm auch die Stelle eines Organisten am Dom zu Linz. Nach Sechters Tod wurde Bruckner 1868 als Nachfolger seines Lehrers als Professor für Orgel, Harmonielehre und Kontrapunkt an das Wiener Konservatorium berufen und gleichzeitig zum Organisten der Hofkapelle ernannt. 1875 wurde er als Lektor für Musiktheorie an die Universität Wien berufen, die ihm 1891 auch die Würde eines Ehrendoktors verlieh. Als Organist, vor allem auch als Improvisator auf der Orgel berühmt, unternahm Bruckner weite Konzertreisen, u.a. nach Paris und London. Er starb am 11. Oktober 1896 in Wien.

Bruckner hatte also erst 1868 mit seiner Berufung zum Professor und zum Organisten eine Position erreicht, die es ihm gestattete, sich ganz dem Komponieren zu widmen. In der Folge entstand ein Lebenswerk, dessen Zentrum die neun großen Sinfonien bilden. Dennoch war Bruckner als Komponist wenig Erfolg beschieden. Wenngleich er in späteren Jahren manche öffentliche Ehrung erfuhr, konnte sich sein sinfonisches Werk in Wien doch nur mühsam durchsetzen. Denn das Wiener Publikum der Zeit liebte die Musik von Johannes Brahms, widersetzte sich jedoch vehement dem Werk von Anton Bruckner. Zwar setzten sich eine Reihe von Musikerkollegen und namhaften Dirigenten für ihn ein. Aber die konservative Presse Wiens unter Führung des Musikkritikers Eduard Hanslick lehnte den Komponisten als einen „gefährlichen Neutöner und Wagnerianer“ ab. 1877 verließ Hanslick und mit ihm ein Großteil des Publikums ostentativ ein Konzert, in dem eine Sinfonie Bruckners erstmals erklang. Und mit der Bemerkung, er wolle dem Publikum „die Schande des Konzertsaales ersparen“, lehnte er öffentlich sogar eine Kritik des Werkes ab. Der geringe Erfolg, den seine Sinfonien beim Wiener Publikum hatten, der Ratschlag sowie die tätige Mithilfe ihm wohlgesonnener Freunde veranlassten Bruckner immer wieder, seine Sinfonien umzuarbeiten, so dass es kaum eine Sinfonie gibt, von der nicht mehrere – vom Komponisten in unterschiedlichem Umfang autorisierte – Fassungen vorliegen. In der Absicht, die angeblich unspielbaren Werke „spielbar“ zu machen, haben diese Freunde unter Bruckners Schülern und Dirigenten gelegentlich sogar eigenmächtig Änderungen vorgenommen, und nicht immer ist gesichert, dass diese „Verbesserungen“ auch den Intentionen des Komponisten entsprachen.

Bei Bruckners achter Sinfonie in c-Moll gab es auch Fassungsprobleme. Die Partitur der Erstfassung (entstanden in den Jahren 1884 bis 1887), die Bruckner dem Dirigenten Hermann Levi zusandte, stieß bei diesem auf Unverständnis. Levis Ratlosigkeit stürzte Bruckner in Depressionen und löste jene Umarbeitungswelle aus, der er nicht nur die Achte, sondern auch die 1. und 3. Sinfonie unterzog, wobei sich die Neufassungen der beiden letzteren aus heutiger Sicht als völlig überflüssig herausstellten. Die Arbeiten sollten ihn überdies die Vollendung der 9. Sinfonie kosten. Die Neufassung der achten Sinfonie (1887 bis 1890), die Bruckner in mühevollem Ringen schuf, umfasst sowohl die Instrumentation wie die kompositorische Struktur: Die Holzbläser werden nun dreifach eingesetzt, die Hörner achtfach, die Harfen zweifach. Der Klang der vier „Wagner-Tuben“ gibt dem Werk stellenweise das charakteristische dunkle Klangkolorit. Der entscheidende strukturelle Eingriff in die Ursprungspartitur ist aber die Umkehrung der Coda des ersten Satzes ins Negative: Endete der Satz in der Erstfassung in einer Apotheose, so nun in einem dramatischen Zusammenbruch der Musik, der auf Mahler nicht ohne Einfluss blieb. Auch das Trio des Scherzos wurde neu komponiert. Bruckner widmete das Werk Kaiser Franz Joseph von Österreich und überreichte ihm die gedruckte Partitur in einer Audienz. Bei dieser Gelegenheit soll er den Monarchen auch um Hilfe gegen die Anfeindungen des Wiener „Kritikerpapstes“ Hanslick gebeten haben. Die Uraufführung der achten Sinfonie fand am 18. Dezember 1892 in Wien statt.

Die Monumentalität ist ein durchgehender Zug in der achten Sinfonie – der Hang zur großen Gebärde, zur großen Dimension und zum prunkenden Orchestereffekt, dem man immer wieder die Orgelnähe anmerkt. Zudem stößt Bruckner in seiner achten Sinfonie in harmonisches Neuland vor. Schon das stockende Hauptthema des Kopfsatzes („Allegro moderato“) ist tonal mehrdeutig, wenngleich auch rhythmisch energisch geformt. Während der ganzen Exposition wird die Grundtonart c-Moll eher umkreist denn als Basis für das tonale Geschehen gewonnen. Im ersten Themenkomplex spielt der „Bruckner-Rhythmus“, die Verbindung von zwei Vierteln und einer Triole, eine wesentliche Rolle, nicht minder im kantabel aufsteigenden Seitenthema, das sich gleichfalls zu einem Komplex ausweitet. Triolische Bildungen bestimmen auch den dritten Themenkomplex, die Kombination zweier Unisono. Die breitangelegte Exposition schließt mit einer Piano-Variante des Hauptthemas. Im Durchführungsteil werden Urgestalt und Umkehrung des Hauptthemas dramatisch gegeneinander ausgespielt. Auch eine Variante des Seitenthemas wird Objekt von Umkehrungskünsten, die sich hier in Gestalt von breit ausgesungenen Streicherkantilenen präsentieren. Vergrößerungen und Engführungen des thematischen Materials führen zu kühnen Ballungen. Der Höhepunkt wird durch das Aufeinanderprallen des Hauptthemas in Posaunen und Tuben und der Umkehrung des Seitenthemas in Trompeten und Holzbläsern erreicht – auch harmonisch eine Stelle von fast schmerzhafter Kühnheit, der ein Zusammenbruch des Ganzen folgt. Der Eintritt der Reprise ist verschleiert. Sie kulminiert in jener berühmten Themenballung, bei der vom Hauptthema am Ende nur der von den Trompeten im Fortissimo herausgellende Rhythmus übrigbleibt. Der Schluss, in dem das Thema auseinanderbricht und verlöscht, gehört zu den eindrucksvollsten Eingebungen Bruckners. Er ist der etwas schematischen Apotheose, mit der der Satz in der Erstfassung schließt, überlegen.

Nach dem Vorbild von Beethovens neunter Sinfonie rückt das Scherzo („Allegro moderato“) an die Stelle des zweiten, normalerweise langsamen Satzes. Es entwickelt sich aus einem Drehmotiv, das schwerfällig daherkommt und die Scherzo-Eckteile beherrscht. Natürlich erscheint es auch in der kontrapunktischen Umkehrung. Das Ganze zeigt kaum noch Spuren des alten, vielleicht gar folkloristisch gefärbten Tanzsatzes in der Nachfolge des Menuetts, stattdessen gibt es bizarre Partien und grelles Trompetengeschmetter. Das ungemein poesievolle und durchsichtige Trio gewinnt seinen Reiz durch die zarten Harfenklänge, von denen die expressiven Aufschwünge umrauscht sind. Es deklamiert eine Geigenmelodie, die im Horn fortgesetzt wird, über behäbig zupfenden Streichern. Im zentralen dritten Satz, einem Adagio („Feierlich langsam, doch nicht schleppend“), erhebt sich über synkopierten Streicherklängen das düstere erste Thema. In überraschendem Kontrast zur Grundtonart steht der Satz in Des-Dur und führt die Tonart auch sogleich auf der in dezenter Unruhe vibrierenden Klangfläche ein. Ein Aufschwung führt in lichtere Regionen, denen wiederum die Harfen ihr Kolorit geben. Der zunächst von den Celli eingeführte zweite Themenkomplex mit seinen abschwingenden Linien trägt kantablen Charakter, wird jedoch von einem ernsten choralartigen Tubensatz unterbrochen. Dieses Material, vielfach variiert, bestimmt den weiteren Verlauf des ungemein dicht gearbeiteten, ausdrucksstarken Satzes, in dem es vor Eintritt der Coda zu einem Höhepunkt kommt. In diesem Adagio dominiert Monumentalität, Pathos und weihevoller Ernst. Wie im Kopfsatz ist auch hier das Ende ein allmähliches, stilles motivisches Verlöschen vor dem weichen Hintergrund des Tubenquartettes.

Der Finalsatz („Feierlich, nicht schnell“) basiert auf dem Gegensatz vom massigen Hauptthema der Blechbläser zum energischen Vorschlag-Rhythmus der Streicher und dem kantablen Doppelthema des Seitensatzes, das sich lyrisch verströmt. Ein dritter, rhythmisch ostinater Gedanke, der eine sanfte und feierlich absteigende Weise in Flöten, Klarinetten und Violinen auslöst, vervollständigt die thematischen Bausteine, aus denen sich der weitgespannte Satz entwickelt. Der Durchführungsteil wird, wie später die Reprise, fast unmerklich erreicht. Bestimmend für ihn ist das Hauptthema, welches in ungestümer Gestalt in den Blechfanfaren hereinbricht, in mannigfachen Varianten und motivischen Umbildungen. In der Reprise wird es zu strahlendem C-Dur emporgeführt und damit zum Höhepunkt des Satzes. Ruhig und feierlich entwickelt sich die Coda, in der Bruckner am Ende die Hauptthemen der vier Sätze übereinanderschichtet. Zu vernehmen ist freilich in dieser glanzvollen Ballung nur das Kopfsatz-, das Finale-Hauptthema und der Trompeten-Ruf des Scherzos. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes unerhörte Kulmination eines sinfonischen Lebenswerkes: Über dieses Finale gelangte Bruckner nicht mehr hinaus, denn die letzte, seine neunte Sinfonie blieb ohne Schlusssatz unvollendet.



Heidi Rogge

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Kölner Philharmonie | 02.09.2019 | 20.00 Uhr


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Letzte Aktualisierung: 23.08.2019 19:30 Uhr     © 2019 Theatergemeinde KÖLN | Auf dem Berlich 34 | 50667 Köln