Kölner Philharmonie

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen

Konzert - Beethoven, Adès, Schubert, Sibelius

Thomas Adès, Dirigent

Steven Isserlis, Violoncello


Ludwig van Beethoven
Ouvertüre. Adagio – Allegro molto con brio aus: „Die Geschöpfe des Prometheus“ op. 43 – Ballettmusik für Orchester

Ein attraktives Angebot war es für den 29-jährigen Beethoven, für das Wiener Hoftheater die Musik zu dem Ballett „Gli nomini di Prometeo“ (wörtlich: „Die Menschen des Prometheus“) zu komponieren. Zum einen wurde er zum ersten Mal mit einem großen Stoff der klassischen Antike konfrontiert: Prometheus, der das Feuer vom Himmel holte und den Menschen nach seinem Ebenbild formte, der als Leitbild der bürgerlichen Aufklärung galt – dieser Mythos kam seinem progressiv-humanistischen Bestrebungen sehr entgegen. Zum anderen war der Librettist und Choreograph dieses Stücks ein feuriger Vorkämpfer für das heroisch-dramatische Handlungsballett: der Italiener Viganó. Die Möglichkeit, für die Kräfte des bürgerlich-humanistischen Fortschritts am Wiener Hoftheater Partei ergreifen zu können, musste Beethoven reizvoll erscheinen.
Viganós Bearbeitung des Stoffes hat mit den uns bekannten Mythen nur Weniges gemeinsam: Prometheus hat aus Ton die ersten Menschen, einen Mann und eine Frau, geformt. Er stiehlt die „himmlische Fackel“, um seine Tonstatuen zu beleben, vermag ihnen aber nur das physische Leben zu verleihen. In Erkenntnis des Unvermögens, seinen Geschöpfen auch Vernunft und Empfindung beizubringen, führt Prometheus sie auf den Parnass, den Sitz Apollons und der Musen. Er bittet den Gott, seine Kinder in den Künsten und Wissenschaften zu unterweisen. Apollon willigt ein. Der parnassische „Unterricht“ beginnt mit Vorführungen Euterpes, der Muse des Flötenspiels, und Terpsichores, der Muse der Tanzkunst. Bacchus führt mit seinem Gefolge einen heroischen Tanz vor. Melpomene und Thalia machen die ersten Menschen mit der Kunst der Tragödie und Komödie bekannt. Um ein Exempel tragischer Kunst zu geben, tötet Melpomene Prometheus mit ihrem Dolch. Thalia aber, die Muse der Komödie, demonstriert, dass es nur ein Scherz war: Prometheus wird durch Pan zum Leben erweckt. Damit ist die parnassische Unterweisung beendet. Durch sie gereift, werden die Geschöpfe des Prometheus zu vollkommenen Menschen. Sie haben alles erlangt, was ihnen fehlte: Vernunft, Reflexion, Empfindung, Mitleid, Gefühle der Liebe und Dankbarkeit für ihren Vater.
So hat Viganó neben der Zentralfigur des sich den Göttern widersetzenden Prometheus im 2. Akt eine neue Idee aufgegriffen, die mit Beethovens Bestrebungen genau übereinstimmte: die Idee der menschenverändernden „Macht der Musik und des Tanzes“, wie auch der Untertitel des Werks lauten sollte. Viganó und Beethoven kam es darauf an zu zeigen, dass die Macht der Künste, und zwar nicht nur der Musik und des Tanzes, sondern auch der Tragödie und der Komödie, personifiziert in den Musen Euterpe, Terpsichore, Melpomene und Thalia, imstande ist, den Menschen – wie es auf dem Programmzettel hieß – „durch die Macht der Harmonie zu allen Leidenschaften des menschlichen Lebens empfänglich zu machen“. Das Ballett „Die Geschöpfe des Prometheus“ wurde schließlich zu einem bemerkenswerten künstlerischen Zeugnis für die klassisch bürgerliche Ästhetik, die der charakter- und bewusstseinsbildenden Funktion der Künste einen hohen Stellenwert einräumte. In Konzerten begegnet man heute nur noch der wirkungsvollen Ouvertüre. Ihr Hauptthema ist dem der ersten Sinfonie Beethovens verwandt. Wörtlich vorweggenommen wird das Thema, das später im Schlusssatz der „Eroica“ und in den Klaviervariationen wieder auftaucht.


Thomas Adès
Lieux retrouvés
für Violoncello und Klavier. In einer Fassung für Violoncello und kleines Orchester

Thomas Adès wurde 1971 in London geboren. Er studierte Klavier an der Guildhall School of Music und dann Musik am King's College in Cambridge, wo er 1992 die Abschlussprüfung mit Auszeichnung bestand. Als er 1989 beim Wettbewerb der BBC ‚Young Musician of the Year’ den Zweiten Preis (Klavierklasse) erhielt, schien eine Karriere als Pianist vorgezeichnet. Doch der Preis führte ihn zur Komposition, 1990 erschien sein erstes Stück („Five Eliot Landscapes“). Abgesehen von der Fülle an mittlerweile komponierten Werken ist er als Pianist und Dirigent für zahlreiche Orchester und Festivals tätig. Thomas Adès ist heute einer der eindrucksvollsten Gestalten der zeitgenössischen klassischen Musik; in seiner Heimat wird er als „neuer Benjamin Britten“ gefeiert. In seinen Werken experimentiert er stets mit Farben, die er gelungen kombiniert. Das knapp 15-minütige Werk „Lieux retrouvés“ komponierte er 2008/09 ursprünglich für Violoncello und Klavier im Auftrag des Aldeburgh Festival, der Wigmore Hall und der Carnegie Hall. Die Uraufführung fand am 21. Juni 2009 beim Aldeburgh Festival statt – mit dem Cellisten Steven Isserlis und Thomas Adès am Klavier.
Die vier Sätze tragen die Titel: „Les eaux“ – „La montagne“ – „Les champs“ – „La ville: Cancan macabre“. Steven Isserlis hat das Werk in einem Kommentar mit diesen Worten beschrieben: „Der Anfang stellt die Ruhe dar, die stilles Wasser mit sich bringt – Wasser, das dann allerdings schlammig wird und herumwirbelt, bevor es sich wieder beruhigt und dann in eine sich brechende Woge ausdehnt. Der zweite Satz stellt Berge und Bergsteiger dar, deren Fußstapfen auf den Wegen knirschen. Der Satz funktioniert als Scherzo, wobei ein Trio-Teil besonders kernige Bergsteiger darstellt, die beim Klettern jodeln. Das dramatische Ende des Satzes beunruhigte mich etwas, da ich den Eindruck hatte, dass einer der Bergsteiger in die Tiefe gestürzt sei; doch wurde ich damit beschwichtigt, dass lediglich das herausfordernde Befestigen einer Fahne dargestellt würde. Der langsame Satz führt uns zu einem friedlichen Feld bei Nacht; die Tiere ruhen und ihr Atem steigt in den Himmel auf (was in etwas riskanter Weise mit den höchsten Tönen dargestellt wird, die ich je lyrisch habe spielen müssen). Die passendste Beschreibung des Finales liefert der Untertitel: ‚Cancan macabre‘ – glänzende Lichter, kokette Unanständigkeiten und groteske übermäßige Erregung. ‚Eine Tollerei‘, wie der Komponist es unschuldig beschrieb, bevor er es wagte, mir die Noten zu schicken ...“

Franz Schubert
Ouvertüre »im italienischen Stile« C-Dur op. 170 D 591 für Orchester

Franz Schubert schrieb seine Ouvertüre „im italienischen Stile“ 1817 im Alter von 20 Jahren, während sich Wien in einem ekstatischen Rossini-Taumel befand. Kurz nach einem Opernbesuch wettete er – wohl der Lobhudeleien seiner Freunde auf Rossinis Musik überdrüssig – gegen „ein Glas guten Weins“, dass es ihm „ein Leichtes“ sein würde, „derlei Ouverturen, in ähnlichem Styl gehalten, binnen kürzester Zeit niederzuschreiben“. Und das tat er dann auch: Resultat waren zwei Ouvertüren, welche die musikalischen Welten der italienischen „Opera buffa“ heraufbeschwören. Die Uraufführung der C-Dur-Ouvertüre fand vermutlich in einem Privatkonzert am 1. März 1818 im Wiener Saal „Zum Römischen Kaiser“ statt. Kritiker lobten sie für ihr „jugendliches Feuer“.
Das Werk greift italienisches Flair im weitesten Sinne auf, vor allem im Allegro mit seinen brillant kontrastierenden Themen. Schubert imitiert genau Rossinis Technik und Leichtigkeit, die effektvollen Punktierungen und chromatischen Fortschreitungen in der langsamen Einleitung, die an das Seitenthema von Rossinis Ouvertüre zu „Il barbiere di Siviglia“ erinnern, dann die leichtfüßigen Staccato-Achtel zu Beginn des Allegro. Ferner Rossinis melodischen Fluss mit kurzen prägnanten Themen und einfacher Begleitung, mit unbeschwerten Terzen und Sexten, flächigen Orchester-„Walzen“, den zündenden Rhythmen und einer lärmenden, packenden Stretta am Ende. Doch trotz aller Anklänge an Rossini: Die gerade einmal acht Minuten lange Ouvertüre trägt zugleich vor allem harmonisch ganz unverkennbar Schuberts Handschrift.

Jean Sibelius
Stormen (Der Sturm) Suite Nr. 2 op. 109

Je näher der 60. Geburtstag von Sibelius rückte, desto schwieriger empfand der Komponist seine Arbeit; er meinte: „Die Selbstkritik wächst enorm.“ Von diesen Problemen ist aber in seinen Kompositionen der 1920er-Jahre nichts zu bemerken. 1925 schrieb er die Bühnenmusik zu „Der Sturm“ – angeblich aus einem äußerlichen Anstoß, als sein dänischer Verleger Wilhelm Hansen sich im Mai 1925 erkundigte: „Haben Sie Musik für das Schauspiel ‚Der Sturm‘ (Myrsky) komponiert? Det Kongelige Teater in Kopenhagen beabsichtigt, dieses Schauspiel aufzuführen und möchte möglicherweise Ihre Musik einsetzen.“ Interessant ist auch, dass der 1919 gestorbene Freund und Mäzen Axel Carpelan schon 1901 vorgeschlagen hatte: „Herr S., sollten Sie nicht irgendwann mal Ihr Interesse auf die Dramen von Shakespeare richten… ‚Der Sturm‘ würde gerade Ihnen gut passen: Prospero (Zauberer), Miranda, Geister der Erde und Luft usw.“ Sibelius mag das Thema des Schauspiels tatsächlich schon lange beschäftigt haben und er hatte keine Schwierigkeiten, sich mit dem Schicksal Prosperos, des alternden Künstlers, zu identifizieren. Die Partitur des neuen Bühnenmusikwerkes entstand überraschend schnell, im Herbst 1925, teilweise vielleicht Anfang des folgenden Jahres.
Die über eine Stunde dauernde Bühnenmusik ist für Singstimmen, gemischten Chor, Harmonium und großes Orchester komponiert. Sie umfasst insgesamt 36 Nummern. Die Uraufführung fand am 15. März 1926 in Kopenhagen statt. Insbesondere die Musik des Schauspiels war ein Erfolg, es hieß: „Shakespeare und Sibelius, diese zwei Genies, haben einander gefunden.“ Sofort nach der Premiere schrieb Sibelius: „In der Bühnenmusik des Schauspiels ‚Der Sturm‘ (Myrsky) gibt es eine Menge von Motiven, die ich noch ausführlicher behandeln möchte. Wegen des Dramas habe ich sie nur skizzieren können.“ Die aus der Bühnenmusik umgearbeiteten zwei Orchestersuiten sowie die daraus getrennte Ouvertüre umfassen insgesamt 19 Nummern, bei denen Sibelius die Teile vielmehr konzentrierte und zusammensetzte. In der Bühnenmusik und auch in den Suiten kommt das orchestrale Genie von Sibelius deutlich zum Ausdruck. Sein Einfallsreichtum und seine Fähigkeit, neue Orchesterfarben zu schaffen, erscheinen geradezu unerschöpflich.


keine Pause
Heidi Rogge

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Die Termine

So.

04

Okt.

Kölner Philharmonie | 04.10.2020 | 20.00 Uhr


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Letzte Aktualisierung: 27.09.2020 15:30 Uhr     © 2020 Theatergemeinde KÖLN | Auf dem Berlich 34 | 50667 Köln